MüNCHEN, Freitag, der 22. Oktober 2010
Martin Zöller

Erst ein Koffi, dann ein Drillere

Ein sehr naher Verwandter von mir in Deutschland ist militanter Gegner von Anglizismen, also englischen oder pseudo-englischen Ausdrücken. Deshalb vermeidet er sie unbedingt: Wenn er etwa von seinem Handy-Vertrag bei „T-Mobile“ spricht, sagt er „T-Mobile“, als würde er von einem unlängst gebastelten, dann aufgehängten und jetzt schief hängenden Mobile sprechen. Vor diesem Hintergrund überrascht nicht mehr, dass er für „O2“„Oh Zwei“ sagt und für „Vodafone“ zuweilen mit diebischer Freude „Mannesmann.“ Affig, so sagt er, seinen Anglizismen. Schrullig, sagte ich, seien militante Anglizismus-Vermeider. 

Ich habe meine Meinung mittlerweile geändert: Wenn es im Deutschen auch nur halb so schlimm klingt, wie im Italienischen, dann sind Anglizismen ganz und gar affig. Zum Beispiel gibt es jetzt immer mehr Leute in Rom die, aus welchen Gründen auch immer „Koffi“ bestellen – und das sind nicht Anzugträger mit Knopf im Ohr, die sich dann irritiert umblicken, merken, dass sie in Rom sind und peinlich berührt erklären: „Oh, ich dachte ich wär noch in New York“. Nein, es ist zum Beispiel mein Mopedreparateur, der jeden Morgen mit schon dann völlig ölverschmierter Latzhose in meine Kaffeebar geschlurft kommt, sich müde an die Theke hängt und auf eine cowboymäßige Art einen „Coffee“ verlangt. Ich sehe dabei in seinen Zügen stets große, aber lässig kaschierte, Befriedigung und versuche, sie zu deuten: Träumt er davon, einmal auf der Route 66 Harley-Davidsons zu reparieren und sagt deshalb „Koffii“? Küsste er vor 40 Jahren eine englische Touristin in einem Tanzlokal? Als ich wieder einmal mein Moped zu ihm brachte, fragte ich ihn. „Warum, Koffiii oder Caffè, kann man doch beides sagen, für mich ist das kein Unterschied“, meinte er.  

Die Mutter meines Freundes Giulio pflegt eine Liebesbeziehung zu einem anderen Anglizismus, er heißt „optional“, sie sagt „obtschonale“. Alles, was man tun, aber auch lassen könnte, ist ein „obtschonale“, insbesondere Kinoprogramme und Speisekarten sind natürlich ein Paradies der Möglichkeiten. Aber jedes Wort, das auf „-zion“ endet, bekommt von den Römern derzeit ein englisches „schhhhhhh“ verpasst. So wurde ich kürzlich bei einem Fußballspiel darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich in einer Notfall-„situeyschon“ an einem bestimmten Punkt einfinden sollte – zum Glück wurde das aber nicht nötig. Und in den Nachrichten sah ich ein Gespräch mit einem Oppositonspolitiker, der eine große „manifesteyschon“ ankündigte, die natürlich auch auf „Dwittere“ und „Feysbukke“ zu verfolgen sei. Lange verstand ich auch nichts, als ich  kürzlich in einem Telefonladen ständig vor die Wahl gestellt wurde, „Flatte“ oder „keine Flatte“, bis ich feststelle, das es um „unbegrenztes Telefonieren zum Festpreis“, ging. Zur Erholung ging ich in die Videothek bei mir in der Straße und lieh mir einen vom Chef empfohlenen, besonders spannenden „Drillere“ aus.  

 

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