BERLIN, Donnerstag, der 15. Oktober 2009
Ruth Kinet

Es lebe das Kollektiv!

Das Kollektiv lebt. Im Land der privatisierten Kibbutzim hat es die Idee vom geteilten Hab und Gut im Allgemeinen schwer. Aber dort, wo die Flächen knapp und Wohnraum atemberaubend teuer sind, im Zentrum von Tel Aviv, dort lebt das Kollektiv. Nicht das Betriebskapital und auch nicht die Mahlzeiten sind allen gemeinsam. Geteilt wird der optische Raum. Und der akustische.

Wenn ich morgens das Küchenfenster öffne und meinen Tee aufsetze, sehe ich, wie auch Fania den neuen Tag beginnt, die Milch aus dem Kühlschrank nimmt, sich einen Kaffee aufsetzt. Ich vermute, dass sie mich auch sieht. Dass sie hört, wie ich das Radio anmache, um die Nachrichten auf Reshet Bet zu hören.

Fania ist 72 und lebt im Haus nebenan, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Allein. Zwischen meinem Spülbecken und ihrem Kühlschrank liegen kaum mehr als fünf Meter Luftlinie. Aber in diesem intimen Moment der morgendlichen Rituale sehen wir uns nie direkt ins Gesicht, grüßen uns nicht.

Dann, um viertel vor sieben, zerreißt ein ohrenbetäubender Klingelton die noch frühmorgendliche Ruhe. Fania braucht eine Weile, um aus der Küche ins Wohnzimmer zu laufen, wo das Telefon steht.

Ich atme auf, wenn ich sie endlich „ken?“ krächzen höre. „Ja?“ Jeden Morgen aufs Neue nimmt Fania diesen ersten Anruf des Tages mit gespannter Neugier entgegen. So als wüsste sie nicht, dass – wie auch an jedem anderen der 364 übrigen Morgen im Jahr – ihre Tochter aus Netanja sich nach ihrem Befinden erkundigen will. Es entwickelt sich ein kurzes, morgenschweres Gespräch über das Wetter und darüber ob Fania ihre Tabletten schon genommen hat.

Einmal in der Woche empfängt Fania drei Freundinnen zum Bridge. Sie setzen sich dann auf den Balkon, trinken Kaffee und sprechen Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Manchmal sitze auch ich gerade auf dem Balkon und trinke Kaffee. Ich winke dann hinüber und Fania fragt „Wie geht es Dir, meine Süße?“. Ihre Freundinnen winken zurück und rufen „Shalom! Wie geht es Dir?“ und wir klagen gemeinsam über die Hitze.  

Über Fania, im vierten Stock des Nachbarhauses, wohnt ein älteres Männerpaar. Auch ihre Lebensgewohnheiten sind mir inzwischen wohl vertraut. Sie stehen später auf als Fania und ich. Dafür sind sie abends länger wach. Sie fangen erst gegen halb zehn an zu kochen. Lange und aufwändig. Dabei hören sie am liebsten Free Jazz. Neulich haben sie sich heftig gestritten. Ich hörte, wie Geschirr zerbrach. Ich wollte die Einzelheiten nicht verstehen. Und war erleichtert, als ich kurz darauf hörte und sah, wie sie wieder auf ihrer Terrasse saßen, eine Flasche Wein öffneten und lachten.

Ich habe eine Schwäche fürs unfreiwillige Kollektiv. In Deutschland war der Weg zu meinen Nachbarn oft weit, verbarg sich ihre Geschichte hinter nur schwer zu druchdringenden Fassaden. Hier, in Tel Aviv, wo die Häuser sich eng an einander schmiegen, es auch im späten Oktober nachts noch schwül ist und alle Fenster Tag und Nacht offen stehen, kommt mir das Leben meiner Nachbarn näher. Das Kollektiv lebt. Es lebe das Kollektiv! 

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