NEU-DELHI, Freitag, der 19. Januar 2007
Britta Petersen

Es lebe der indische Sozialismus

 

 

 

Wie nah in Indien trotz Wirtschaftsbooms noch immer der Sozialismus ist, konnte man mal wieder vor ein paar Tagen erfahren. Da spielten nämlich Herbie Hancock und Wayne Shorter ausgerechnet auf Einladung des American Centers im Siri Fort Auditorium in Delhi auf. Nicht dass ich etwas über die politischen Einstellungen der beiden wüsste. Aber während so ein Konzert in den meisten Städten dieser Größenordnung (13 Millionen Einwohner!) eine Musikveranstaltung unter vielen sei sollte, wurde der Auftritt der Jazz-Altmeister in Delhi zum gesellschaftlichen Ereignis par excellence.

Jeder redete davon, ob Jazz-Fan oder nicht, da so selten westliche Musiker auf dem Subkontinent auftauchen. Jeder wollte eine Karte haben, und selbst die, die anfangs nicht sonderlich interessiert schienen, gingen dann doch hin – und sei es nur, um alle ihre Freunde zu treffen und hinterher einen trinken zu gehen. Erstaunlicherweise war es dann gar nicht schwer, eine Karte zu bekommen.

Warum, stellte sich am Abend des Konzerts heraus: Das American Center hatte einfach so viele Karten gedruckt wie nachgefragt wurden. Leider erhöhte sich die Zahl der Sitze im Siri Fort Auditorium keineswegs automatisch, so dass sich bereits mehrere Stunden vor Veranstaltungsbeginn eine Kilometer lange Schlange vor dem Eingang bildete. „First come first served“ hieß es im Kleingedruckten auf der Karte. Mindestens die Hälfte der Leute kam trotz Karte nicht rein. Doch da das Konzert in guter alter sozialistischer Tradition umsonst war, konnte sich natürlich auch niemand so recht beschweren.

Warum das so war und warum dieses Konzert unter dem Motto „Helping to raise HIV-Aids Awareness“ stand, weiß ich auch nicht. Es gab ja noch nicht einmal Einnahmen, die man der Aids-Hilfe hätte spenden können. Wir gehörten zu den Glücklichen, die noch einen Platz bekamen. War echt ein super Konzert, zumal irgendwann auch noch Anoushka Shankar auf der Bühne auftauchte. Leider krachte das Kissen meines Sitzes bei jeder kleinsten Bewegung durch, aber auch das passte ins Bild.

Wie gesagt: So hab ich mir den Sozialismus immer vorgestellt. Wenn mal was Tolles los ist, zittert man erst darum, ob man dabei sein darf, was dem Ereignis einen Glanz gibt, den es nie bekommt, wenn man sich einfach so eine Karte kaufen kann. Dann trifft man alle seine Freunde dort und liest am nächsten Tag stolz darüber in der Zeitung, dass man bei einem der wichtigsten Konzerte des Jahres dabei war. Hat doch was, irgendwie.

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