portrait kerstin zilmLOS ANGELES, Freitag, der 8. Juli 2011
Kerstin Zilm

Etwas mehr für's Green Card Geld bitte!

Ich hatte mir wirklich etwas mehr Glamour erhofft. Immerhin musste ich nochmal über 500 Dollar ans Ministerium für Heimatschutz überweisen dafür, dass von meiner Green Card das Wort “vorläufig’ gestrichen wird. Mein Mann und ich müssen beweisen, dass wir immernoch verheiratet sind und zwar aus Liebe und nicht damit ich meine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung verlängert bekomme. Die Liebesehe beweisen kann man in den USA vor allem mit Rechnungen, die man gemeinsam bezahlt oder Konten, die man zusammen hat. Außerdem musste ich noch einmal meine Fingerabdrücke abgeben und ein Foto machen lassen. Irgendwann wird das Ministerium für Heimatschutz allein unter der Last der von mir eingesammelten Fingerabdrücke zugrunde gehen wie die Stasi unter ihren Spionage-Akten. Aber hilft ja alles nichts, ich will weiter in den USA leben und arbeiten, also musste ich wieder los. Und landete hier:

Im Application Support Center in einer der ewig gleichaussehenden häßlichen strip-malls von Los Angeles. Kann ich für 500 Dollar bitte etwas mehr Glamour bekommen? Schließlich sind wir hier in Hollywood! Drinnen darf man keine Fotos machen, aber ich versichere: verglichen mit dem Wartesaal des Biometrik-Zentrums sind deutsche Einwohnermeldezentralen die reinsten Wellness-Oasen und was Umgangsformen angeht stehen US-Behörden deutschen in nichts nach. “Zu trockene Haut!” fauchte mich die Biometrik-Dame an der Fingerabdruck-Station mit strengem Blick und osteuropäischem Akzent an und schmierte ungefragt klebrige Lotion über meine Handinnenfläche. Ihr Fingerabdruckautomat zeigte Dutzende kleine rote Flecken. Ich hab für das Gerät zu viele Falten in der Hand!

Ich weiss, ich hab viele Linien, dafür habe ich mich als Teenager furchtbar geschämt und eine Wahrsagerin habe ich damit schon zur Verzweiflung getrieben. Aber ich mach das doch nicht absichtlich! Sie schmierte, drückte meine Finger auf die Glasscheibe, schüttelte mißmutig den Kopf, zeigte auf die roten Flecken, sagte immer wieder “zu trockene Haut!” schmierte nochmal Lotion, drückte Finger einzeln und in Gruppen auf die Glasfläche und gab schließlich auf. “Geht nicht besser!” Jetzt sind wahrscheinlich rote Flecken auf meinen offiziellen Green Card Fingerabdrücken. Bin ich wenigstens schwieriger zu identifizieren, wenn sie rausfinden, dass mein Mann und ich gar nicht alle Rechnungen zusammen bezahlen!

“Setzen! Hier! Kamera!” kam der nächste Befehl, bevor ich mir die fettige Lotion abreiben konnte. Dann noch ein ungläubig-strafender Blick in meine Richtung. Ich fragte mich, was ich diesmal falsch gemacht hatte. Es gab nur einen Stuhl, auf den ich mich setzen konnte, ich hatte ihn nicht verstellt und mich ziemlich aufrecht drauf gesetzt. War ich zu groß? Zu dick? “Willst Du Dich nicht kämmen?” fragte die Biometrik-Domina. “Green Card! Das ist Green Card Foto!” Sie streckte mir einen Plastik-Handspiegel entgegen. Ich fand meine Haare gar nicht so schlimm, schob mir aber brav ein paar Haare aus der Stirn, musste zugeben, dass ich weder Kamm noch Bürste dabei hatte und legte den Spiegel zur Seite. Es blitzte einmal. Keine erkennbare Reaktion von der Domina. “Ist es ok?” Sie drehte achselzuckend die Kamera zu mir, so dass ich das Bild sehen konnte. Nicht schlecht. Nicht toll, aber – ich will mich damit ja nicht für eine Rolle im nächsten Hollywood-Kassenschlager bewerben! Ich will nur endlich meine unbegrenzt gültige Green Card haben! Ginge es nach der Biometrik-Dame im Application Center könnte ich diese Hoffnung sicherlich begraben. Trotz der 500 Dollar. Wären alle Amerikaner wie sie würde ich garantiert irgendwo anders um eine Aufenthaltsgenehmigung bitten.    

 

 

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