DEN HAAG, Sonntag, der 27. Juni 2010
Kerstin Schweighöfer

Fieber

 

 

Die ersten Anzeichen gab es schon vor Wochen. Als Überlebende erkannte ich sie sofort und wusste: Auch dieses Mal gab es kein Entrinnen; um verschont zu bleiben, brauchte es einen extrem guten Widerstand.

 

Denn aus dem ersten kleinen orangefarbenen Fähnchen, das verschämt hinterm Wohnzimmerfenster in den Blumentopf gesteckt worden war, ist ein Fahnenmeer geworden, das ganze Strassen überspannt. Nicht mehr bloss Gartenzäune und Laternenpfähle werden in orangefarbene Folie verpackt, inzwischen sind es ganze Häuserfassaden.

 

Zweifel erübrigen sich: Das Oranjefieber grassiert mal wieder in aller Heftigkeit, gefrässig und schonungslos erfasst es das ganze Land: Schafe bekommen orangefarbene Tupfer, in Springbrunnen plätschert orangefarbenes Wasser, Hundebesitzer stecken ihren Waldi in den dreiteiligen Oranje-Anzug für Hunde, und für 39,90 kann man sich ein oranje-Wellensittich-Pärchen kaufen und damit seine eigene Oranje-Elf züchten.

 

Am heftigsten wütet das Oranjefieber in den Supermärkten: Dort werden Oranje-Törtchen feilgeboten, Oranje-Pudding und als Digestif Oranjebitter. Als Hauptgericht isst der echte Oranjefan in diesen Tagen vorzugsweise Karotten. Und selbstverständlich gibt es auch oranje-Klopapier.

 

Um die Fussballfans an sich zu binden, hat die grösste Supermarktkette des Landes diesmal den „Beesie“ eingeführt, zu deutsch etwa „Tierchen“ oder „Biestlein“ – ein kleines haariges orangefarbenes Ungeheuer mit Kulleraugen, das sich am ehesten mit einer Raupe vergleichen lässt und sich nicht nur um den Finger wickeln lässt, sondern auch um Kühlschranktürgriffe, Antennen,  Kerzenständer, Heizungsrohre, Bürolampen….einer Mäuseplage gleich erobern sie ganze Häuser vom Keller bis zum Obergeschoss.

 

Mir kommt sowas nicht ins Haus. Deshalb gebe ich alle meine „Beesies“ weg an bettelnde Kinder, die vor dem Supermarkt Spalier stehen. Statt dessen habe ich Soziologen zu Rate gezogen, um herauszufinden, was es mit dem Oranjefieber nun eigentlich genau auf sich hat. Man will ja Verständnis entwickeln für seine Mitmenschen.

 

Es geht, so liess ich mir sagen, um eine Art Ersatzkarneval: Die nüchternen Kalvinisten, die das Phänomen Karneval nicht kennen, würden Fussball-Europa- oder Weltmeisterschaften als Ventil benutzen. So könnten sie sich ab und zu doch so richtig ausleben. Hinzu komme ein grosses Bedürfnis nach Mythen und Glaube in einer säkularisierten Welt. Das, so die Soziologen, habe den Fussball zu einer Ersatzreligion gemacht. 

 

Erstmals ausgebrochen ist das Oranjefieber in seiner heutigen Form 1988, als die Niederländer Europameister wurden. Damit konnten sie endlich das Trauma der WM-Niederlage von 1974 verarbeiten, als sie im Finale mit 2 zu 1 gegen Deutschland unterlagen. Seitdem leben sie ihre nationalen Gefühle bei Fussballturnieren ungeniert aus, immer in der Hoffnung, der Welt erneut zeigen zu können, worin ein kleines Land ganz gross sein kann.

 

Dass das Oranjefieber immer heftiger zu wüten begann, liegt den Soziologen zufolge an Europa und der Globalisierung: Die sorgen dafür, dass die verunsicherten Niederländer sich mehr und mehr auf sich selbst besinnen, um in der Extase des Oranjefiebers ihr Selbstwertgefühl aufzubauen. In einer immer anonymer werdenden Gesellschaft, in der die Menschen verstärkt neben- statt miteinander leben, verschaffe das Oranjefieber ausserdem ein angenehmes Gefühl der Zusammengehörigkeit.

 

Naja, über das „angenehm“ lässt sich streiten. Als ich neulich im Vorbeiradeln entdecken musste, dass auch mein Nachbar infiziert ist und quer durch sein Wohnzimmer eine Leine mit Oanje-Fähnchen gespannt hat, packte mich das kalte Entsetzen.

 

Doch dann schloss ich meine eigene Haustür auf – und als ich in die Küche spähte, traf mich fast der Schlag: Denn was grinste mich da ungeniert an? Die Kulleraugen unzähliger „Beesies“, die mein Freund heimlich gespart und in der ganzen Küche verteilt hatte. Kulleraugen, die alle dasselbe zu sagen schienen: „So, jetzt haben wir auch Dich!“

 

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