DEN HAAG, Donnerstag, der 28. Januar 2010
Kerstin Schweighöfer

Fietsers mit Biss

 

Zugegeben, anfangs habe ich mich etwas gesträubt. Radfahren im Winter, auf verschneiten oder gar vereisten Radwegen – das tat man einfach nicht, das stellte die Welt auf den Kopf. Doch der Anblick zahlloser Rentner und gebrechlicher Omas, die sich auch bei Schneesturm unverdrossen auf dem Sattel eine Spur durch den Tiefschnee bahnen, belehrte mich eines Besseren. „Stell’ Dich nicht so an!“ war ihre unmissverständliche Botschaft. Und so schwang auch ich mich auf den Sattel, um – zunächst mit Todesverachtung – zu demonstrieren, wie gut ich mittlerweile integriert bin. Der ultimative Einbürgerungstest!

Schliesslich lebe ich im Königreich der fietsers, die haben ihren eigenen Kreisverkehr, ihre eigenen Ampeln, ja, sogar ihre eigenen Schnellstrassen – schnurgerade und ohne Kreuzungen. Kurzum: Ein fietser, der auf sich hält, lässt sich vom Wintereinbruch nicht vom Sattel jagen. Dazu hat er viel zu viel Biss und Durchsetzungskraft. Dazu ist er ist er viel zu selbstbewusst – und viel zu frech! Vor allem in Amsterdam, vor den Amsterdamer fietsers warnt sogar das Fremdenverkehrsamt in seinen offiziellen Broschüren. 

Denn in der niederländischen Hauptstadt kommen die Radler von allen Seiten und haben gundsätzlich Vorfahrt. Bremsen ist für sie ein Fremdwort, dafür klingeln sie umso lauter, und so mancher Tourist kann sich nur noch durch einen erschreckten Sprung zur Seite im letzten Moment in Sicherheit bringen.

 Man kann ihnen besser nicht in die Quere kommen – auch nicht, wenn man eines der wichtigsten Museen der Welt leitet. Direktor Wim Pijbes vom Amsterdamer Reichsmuseum kann davon ein Lied singen. Sein Vorgänger Ronald de Leeuw ebenfalls. Und – im fernen Barcelona – die beiden Stararchitekten Cruz+Ortiz.

 Nach deren Plänen hätte das von Grund auf sanierte und erweiterte Reichsmuseum schon längst wieder eröffnet werden sollen. Doch statt 2008 wird es nun 2013 werden. Frühestens. Das liegt an den Amsterdamer Radlern. Und an Baumeister Pierre Cuypers: Der entwarf das Reichmuseum  1885 als Neorenaissance-Gebäude mit zwei Türmchen, in denen sich die beiden Haupteingänge befanden, und  – was kein anderes Museum auf Welt vorweisen kann – einem Durchgang in der Mitte. Dieses tunneltje, wie es im Volksmund liebevoll genannt wird, ist seit Menschengedenken fest in der Hand der fietsers, die daraus ihre eigene Mini-Autobahn gemacht haben, um schneller vom Stadtteil Oud-Zuid ins Zentrum zu kommen.

 Doch nun haben es zwei Spanier gewagt, dieses tunneltje zur verkehrsberuhigten Zone zu erklären: Denn statt den beiden unpraktischen Haupteingängen in den Türmen haben Cruz+Ortiz ein zentrales Eingangsfoyer unter dem Durchgang entworfen, erreichbar durch eine breite Treppe, die mitten im tunnelte nach unten führt.

 Doch die Architekten hatten die Rechnung ohne Amsterdams Radfahrer gemacht. Die dachten gar nicht daran, sich mit zwei schmalen Seitenstreifen rechts und links der Treppe abspeisen zu lassen. Statt dessen bliesen sie zu einer lautstarken fiets-Demo im Tunnel und zeigten den völlig verdatterten Spaniern, wie man als Radlerbund in einem holländischen Gemeinderat seinen Einfluss geltend macht.

 Der erste Entwurf wurde vom Tisch gefegt. Der zweite mit einer schmaleren Treppe auch. Beim dritten Anlauf verlegten die Architekten den Zugang zum Untergeschoss in die Tunnelseitenwände. Das hatte zwar den Charme von Tiefgarageneingängen, doch die Radfahrer waren endlich zufrieden – und alle anderen zu mürbe zum Weiterkämpfen.

 Bis Wim Pijbes sein Amt als neuer Direktor antrat. Frisch und unverbraucht brachte er Cruz+Ortiz dazu, einen vierten Entwurf zu präsentieren – erneut mit einer grosszügig gestalteten Treppe, aber diesmal nicht in der Mitte, sondern in der einen Tunnelhälfte; in der anderen haben die fietsers auf insgesamt sechs Metern weiterhin freie Fahrt.

 Alle waren hellauf begeistert – bloss die Radfahrer nicht. Die machen sich auf einmal Sorgen um die Sicherheit der Fussgänger, die sich auf die Radspur verirren und dort unter die Räder kommen könnten. Deshalb beharren sie auf Entwurf Nr. 3.

 „Lächerlich!“, schnaubt Pijbes. Doch weil er als Niederländer weiss, wie gross die Macht der fietsers ist, hat er vorsichtshalber grosse Geschütze aufgefahren: Alle 26.000 Haushalte im Stadtteil Oud-Zuid erhielten ein persönliches Schreiben von ihm, in dem er ihnen Enwurf Nr. 4 ans Herz legt. Und damit nicht genug: Es gelang Pjipes sogar, die 55 wichtigsten Kollegen der Welt zusammenzutrommeln: Egal, ob Metropolitan, Tate oder Louvre – in einem offenen Brief rufen sie alle Amsterdamer auf, Pijbes doch bitteschön bei der Realisierung von Entwurf Nr. 4 zu unterstützen.

 Ob es hilft, bleibt abzuwarten. Gewundert haben werden sie sich mit Sicherheit, die grossen Museumsdirektoren dieser Welt. Aber ihr Kollege aus dem kleinen, aufmüpfigen Land hinter den Deichen muss ihnen unmissverständlich klar gemacht haben, dass man eines tunlichst sein lassen sollte: die Durchsetzungskraft von Hollands fietsers zu unterschätzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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