PEKING, Dienstag, der 18. August 2015
Christiane Kühl

Fotograf He in der Hölle von Tianjin

Am Anfang ging ein Video um auf dem chinesischen Chatforum WeChat, das von weitem die verheerenden Explosionen von Tianjin zeigt. Einen Tag später tauchte eines auf, das aus nächster Nähe geschossen wurde. Darin ist bei der zweiten Explosion nur noch Weiß zu sehen, der Filmer scheint mitten im Inferno. Am nächsten Morgen machte sich ein chinesischer Fotoreporter der Beijing News auf, um so nahe wie möglich an den Brandherd heranzukommen. Der war schon abgeriegelt – doch He Xiaoxin schlich sich vorbei an den Polizeikordons, durch ein Wäldchen, unter Hochstraßen entlang, bis zu einem beschädigten, leeren dreistöckigen Gebäude, von dem aus er einen riesigen Platz sah, voller ausgebrannter Autos, durch die ein einsamer Feuerwehrmann schlich. Von dort aus beobachtete He auch die gelbe Giftwolke, die am Nachmittag bei einer kleineren Explosion in den Himmel stieg – möglicherweise enthielt sie Natriumcyanid. Erst dann nahm auch er die Beine in die Hand. Später wurde er doch noch gestellt, viele Fotos musste er löschen. Die erhaltenen Fotos zeigen das Katatsrophengebiet aus nächster Nähe, was kaum jemandem gelungen ist. Hier der link: He Xiaoxin: How Far Can I Go? And How Much Can I Do?

Mindestens 114 Menschen starben bei der Katastrophe, deren Ursache immer noch im Dunklen liegt. 70 weitere werden noch vermisst. 68 befinden sich im kritischem Zusatand in Krankenhäusern, zusammen mit mehr als 600 weiteren Verletzten. Anwohner fordern bereits Kompensationen: Laut Chinas eigenen Verordnungen müssen Gefahrgutlager mindestens einen Kilometer von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden oder Durchgangsstraßen entfernt sein. Online-Karten zeigen allerdings sowohl eine Straße als auch ein Wohnviertel innerhalb von 500 Metern Entfernung  des zerstörten Ruihai International Logistics Warehouse. “Wir Opfer verlangen: Regierung, kauft unsere Wohnungen zurück”, forderten die Anwohner der Wohnanlage vor dem Hotel, in dem die Lokalregierung ihre täglichen Pressekonferenzen abhält. Diese hat Sicherheitschecks aller Lagerstätten gefährlicher Güter angeordnet. Die Zentralregierung will auch landesweit die Sicherheitsstandards prüfen lassen.

Der Hafenbetrieb läuft derzeit wieder langsam an. Autohersteller leiten ihre Autoimporte vorübergehend über andere Häfen. Viele Importwagen wurden auf den nahegelegenenen Stellplätzen beschädigt – darunter etwa 2700 Modelle des Volkswagen-Konzerns. Wie groß der Schaden für die lokale Wirtschaft, oder auch ausländische Unternehmen, insgesamt ist, lässt sich noch nicht absehen.

Transparenz kündigt die Regierung an – doch bislang läuft alles weitgehend wie gehabt: Die Unglücksstelle wird abgeriegelt, Medien dürfen nur die offiziellen Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua drucken, unabhängige Bilder werden gelöscht, Suchbegriffe wie “Tianjin” funktionieren nicht. Auch He Xiaoxins Bilder sind im Netz wohl nicht mehr zu sehen.

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