GENF, Sonntag, der 18. Oktober 2009
Marc Engelhardt

Frauensache

Langweilig ist es in Kenia auch anderthalb Jahre nach Ende der schwersten Krise, die das Land je erlebt hat, nicht. Präsident Mwai Kibaki und Premierminister Raila Odinga, Garanten des Burgfriedens, der die Gewalt beendete, reden vor allem durch die Zeitungen miteinander. 10 Millionen Kenianer hungern, auch deshalb, weil ein Minister die Nahrungsmittelreserven für Notfälle – tausende Tonnen Maismehl – ins Ausland verschachert haben soll, um sich zu bereichern. Der Staat selbst ist unterdessen nahezu pleite. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs droht seinen Besuch an, doch im Kopf haben die Politiker dennoch nur das eine: Sex.

Davon jedenfalls sind die Aktivistinnen überzeugt, die kürzlich zum Sex-Boykott aufgerufen haben. Große Entscheidungen, so ihr Argument, werden immer auch im Bett diskutiert. Vor allem Politikergattinnen sollen sich verweigern und stattdessen fragen: ‘Honey, was kannst Du für Kenia tun?’ Eine tolle Idee findet das Ida Odinga, die Frau des Premiers, und verspricht, dabei zu sein. Auf die Frage, ob auch die Frau des Präsidenten mitmacht, wollte Odinga hingegen nicht antworten.

Kein Wunder, denn Lucy Kibaki genießt den Ruf eines Racheengels. So stürmte sie Kenias führendes Medienhaus, nachdem sie – aus ihrer Sicht – in einer der Zeitungen verunglimpft worden war und kündigte einen Sitzstreik an. Als der scheidende Weltbankchef (Kibakis Nachbar) eine Abschiedsparty gab, stürmte sie im Nachthemd sein Haus und drehte ihm die laute Musik ab.

Wer weiß, ob sich ähnliche Szenen nicht auch im Schlafzimmer des Präsidenten abspielen. Der 77-jährige (äußerst pressescheu) sah sich jedenfalls vor nicht langer Zeit genötigt, eine Pressekonferenz abzuhalten, die mit den Worten begann: “Ich habe nur eine Frau.” Und auch nur die vier Kinder, die Lucy ihm geschenkt habe, fuhr Kibaki fort. Die ‘First Lady’ stand währenddessen nur eine Armlänge entfernt. Da hatten Zeitungen geschrieben, dass es da doch eine zweite Frau gibt, was innerhalb von Kibakis Kikuyu-Ethnie nichts ungewöhnliches ist. Aber Kibaki ist auch Katholik, vielleicht deshalb die deutlichen Worte. 

In den Straßen wunderte man sich über den Aufstand. Aufsehenerregend, so sagt ein Zeitungsverkäufer, sei doch allenfalls, wenn Lucy einen zweiten Mann habe – das ist auch bei den Kikuyu nicht üblich. Kibakis Pressekonferenz könnte unterdessen einmalig bleiben. derzeit wird das Eherecht reformiert, die neue Fassung genehmigt die Vielehe. Glaubt man den Frauen, dann wird zumindest dieses Gesetz das Parlament schnell passieren.

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