KöLN, Montag, der 14. April 2008
Alois Berger

Fritten verlieren Lufthoheit in Belgien

Belgien erstickt in diesen Tagen im Smog, aber da kann man nichts machen. In Charleroi zum Beispiel hat die Stadtverwaltung eine Tempobeschränkung in der Stadt auf 30 km/h beschlossen und auf dem Autobahnring von 50 km/h. Aber die Autofahrer merken davon nur sporadisch etwas, weil die Stadt nicht genügend mobile Verkehrs-Schilder hat.

Schuld ist ohnehin das Wetter, sagen die belgischen Zeitungen, windstille Inversionslage, deshalb kann man doch nicht die Autofahrer bestrafen. Demensprechend umstritten ist auch die vorübergehende Geschwindigkeitsbeschränkung auf einigen belgischen Autobahnen auf 90km/h. „So kommt man doch nicht vom Fleck", sagt eine junge Nachbarin, „und weil sich niemand dran hält, bringt es sowieso nichts.“ Und deshalb hält sie sich auch nicht dran.

Dabei hat die Polizei alle Radargeräte aus dem Keller geholt und auf die Straßen gestellt. In manche Blitzkameras wurden jetzt sogar Filme eingelegt, selbst in der Wallonie. Solche feststehenden Blitzanlagen werden von der belgischen Bundesregierung aufgestellt. In welche dann Filme eingelegt werden, das entscheiden die Regionen. So viel zum Föderalismus. In der ganzen Wallonie, also der Südhälfte Belgiens, sind in normalen Zeiten vier solcher Radaranlagen scharf. „Mehr Kontrollen sind Faschismus,“ hat mir ein befreundeter Fernsehmann erklärt, und die wallonische Regionalregierung hält sich daran.

Ähnlich volksnah gehen belgische Politiker auch mit den Umweltgesetzen um, die sie in den EU-Gremien regelmäßig mitbeschließen. Belgien hat dieselben Grenzwerte wie die Nachbarländer, es kümmert sich bloß niemand darum, ob sie eingehalten werden. In Brüssel werden Feinstaubmessstellen mit Vorliebe in Parks und Waldstücken aufgestellt. Die Begründung: Dass die Grenzwerte an neuralgischen Verkehrsknoten überschritten werden, weiß man sowieso.

Am deutlichsten wird der Smog von den Ärzten diagnostiziert, die einen dramatischen Anstieg der Luft- und Atemwegsbeschwerden melden. Eine Studie hat vor kurzem vorgerechnet, dass Belgier wegen der starken Umweltverschmutzung im Schnitt ein Jahr früher sterben. Vielleicht haben sie deshalb keine Zeit, langsamer zu fahren.

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