BERLIN, Dienstag, der 15. September 2009
Ruth Kinet

Frohes Fest!

«Osher ve briut!» wünscht mir Talia, bei der ich immer dienstags Biogemüse per Telefon nach Hause bestelle. Glück und Gesundheit.  «Chag sameach!», ruft mir Jossi nach, der Blumenverkäufer auf der Dizengoffstraße, als ich mich mit meinem Paket frischer gelber Lilien zum Gehen wende. Frohes Fest. Und Nissim, der Elektriker, sagt zum Abschied «kol tuv», nachdem er mir meinen verklemmten Rolladen wieder ins Laufen gebracht hat. Alles Gute.

Normalerweise sind sie nicht so zugewandt, die Israelis. Aber jetzt ist auch nicht «normalerweise». Denn das Jahr 5769 nach Schöpfung der Erde geht zu Ende. Ein Jahr, in dem Bibi Netanjahu zum zweiten Mal Ministerpräsident und Avigdor Liebermann zum ersten Mal Außenminister wurde. Ein Jahr, in dem die israelische Armee den Gazastreifen verwüstete. Ein Jahr, in dem der Kassam-Beschuss den Lebensrhythmus der Menschen in Sderot und Netivot bestimmt hat.

In den Hauptnachrichten klagt Noam Shalit die politischen Akteure an: «Bald ist Rosh Hashana und wir sehen immer noch nicht das Licht am Ende des Tunnels.» Sein Sohn Gilad wird seit 1179 Tagen von der Hamas festgehalten. Bibi lässt sich von George Mitchell, dem US-Sondergesandten für den Nahen Osten, nicht einschüchtern und besteht auf den Plänen seiner Regierung, 3000 neue Wohneinheiten für jüdische Siedler in der Westbank zu bauen.  Die Goldstone-Kommission der Vereinten Nationen weist der israelischen Armee und der Hamas in einem 547-Seiten-Bericht nach, während des Gaza-Krieges Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Rosh Hashana, das ist auch die Zeit der «Slichot», der Buße. In den Synagogen wird das Widderhorn geblasen, der Shofar. Wer religiös ist, hat jetzt Gelegenheit, sich mit Gott und den Menschen auszusöhnen. Um Vergebung zu bitten. Das Angebot gilt bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag, zehn Tage nach Rosh Hashana.

Am Freitag Abend also ist Neujahr. Dann versammeln sich die Großfamilien. Sie singen, beten, essen. Sie sitzen um einen großen Tisch, tauchen Apfelschnitze in Honig, auf dass das neue Jahr süß werde. Sie kauen Granatapfelkerne und nehmen sich vor, im neuen Jahr sämtliche in der Torah festgeschriebenen göttlichen Gebote zu halten. Sie kosten von einem Fischkopf in der Hoffnung, im neuen Jahr immer vorneweg und nie Schlusslicht zu sein.

Rosh Hashana, das ist die Zeit der guten Vorsätze. Es ist eine vielversprechende Zeit in einem Land, das guten Willen gut gebrauchen kann. In diesem Sinne also «chag sameach»!

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