CHRISTCHURCH, Dienstag, der 27. April 2010
Anke Richter

Für mich bitte nur weiße Mohnblüten

Am Sonntag wollte ich morgens nicht aus dem Bett. Es lag unter anderem daran, dass es jetzt noch bis um sieben Uhr dunkel ist und der Winter ins Land kriecht.  Aber vor allem sprach gegen diesen seltsam ungemütlichen Tag: Es war Anzac Day. Am Anzac Day gedenkt der Kiwi seiner Gefallenen und isst speziell für den Anlass gebackene Kekse, die kokosraspelhaltigen Anzac Cookies. Der eingewanderte Deutsche dagegen zieht sich die Decke über den Kopf und wünscht, er wäre unsichtbar.

Alle Jahre wieder läuft der Countdown, und zwar schon Tage und Wochen vorher: Sonderbeilagen, Magazin-Cover, Fernsehdokumentationen. Helden und Victoria-Kreuze überall. Orden werden poliert. Vor dem Supermarkt steht eine ältere Dame, die einem eine rote Mohnblüte aus Papier zum Anstecken verkaufen will, gegen eine kleine Spende für die Truppen. Rein zufällig schaltet die neuseeländische Armee halbseitige Anzeigen, um neue Mitarbeiter für den Geheimdienst zu rekrutieren.

Das ganze Prozedere dreht sich um die Dardanellen-Schlacht im Jahre 1915 auf einem Felsen in der Türkei: Gallipoli. Dort hat sich das „Australian New Zealand Army Corps“ erstmals im Kampf bewährt, auch wenn der Kampf übel ausging, denn die Briten überließen ihre Stiefkinder vom unteren Ende der Welt einfach den Türken und machten sich aus dem Staub. Jedes Schulkind in Australien und Neuseeland kennt Gallipoli, auch wenn es kaum weiß, wo die Türkei liegt, geschweige denn, wer Atatürk war. Aber in Gallipoli entstand erstmalig das  große Wir-Gefühl. Der Beginn einer Nation: Wir sind wer, nicht nur Mutter England. Zusammengeschweißt durch den Tod.

In Gallipoli starben 2721 Kiwis, die als Kanonenfutter für ihre Königin im fernen Großbritannien gegen den Feind aus dem noch ferneren Deutschland ins Feld zogen. Empire befiehl, wir folgen! Schön dumm. Aber es ging ja „um die Freiheit“. Und wenn es um die Freiheit geht, ist jeder, der dafür stirbt, automatisch ein Held. Das sind die Spielregeln. Wer in Stalingrad gekämpft und viel Grausigeres als die Türkenschlacht erlebt hat, kann also niemals ein Held sein. Spielverderber, die das hinterfragen, bleiben besser zuhause, wenn früh in der Dämmerung am 25. April allerorts Gedenkfeiern abgehalten werden.

So bekamen auch die Erfinder der weißen Mohnblüte zum Anstecken Riesenärger. Friedensaktivisten haben sich erstmalig diese Aktion ausgedacht, um damit  aller Opfer sämtlicher Kriege zu gedenken. Das kam nicht gut an, vor allem nicht, wenn die Anzac-Paraden in Militär-Shows ausarten und schweres Geschütz aufgefahren wird. Ein Armee-Hubschrauber, der für diesen Anlass über der Menge herumfliegen sollte, stürzte am Sonntag ab, drei Soldaten starben. Eine nationale Tragödie. Vielleicht liegt es an mir, und ganz sicher daran, dass ich Deutsche bin – aber offensichtlich bin ich so ziemlich die einzige weit und breit, die das kritiklose Bejubeln von Waffen, von Schlachten, von Soldaten befremdet.

Ich war ganz überrascht, als mich am Sonntag dann doch noch jemand anrief und mich zu einem spontanen Abendessen einlud. Vielleicht hatte da jemand ganz vergessen, wo ich eigentlich herkomme.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE