MOSKAU, Freitag, der 11. Dezember 2009
Stefan Scholl

Geburtshaftanstalt an der Wolga

Als wäre ich in eine missglückte russische Filmkomödie geraten: Ich stehe auf der Bordsteinkante zwischen einem steif gefrorenen Rasen und einem Asphaltweg und spähe hinauf in die Abenddämmerung. Genauer auf eine dunkle Silhouette im hell erleuchteten Fenster 4 Stockwerke über mir. Die Silhouette ist der Kopf meiner Frau, die seit heute Vormittag im Roddom, im „Geburtshaus“, eingesperrt ist. Sie blickt zu mir herab, ihre Miene ist nicht mal zu ahnen. „Wir sind jetzt nur noch zu dritt im Zimmer“, ihre Stimme klingt unverdrossen, „einem Mädchen ist schon Wasser gekommen, die haben sie abgeholt, zum Kaiserschnitt.“ Ich frage nicht, was für Wasser ihrer Schicksalsgenossin gekommen ist, ich frage, ob die Einkaufstüte Obst gut bei ihr angekommen ist. „Soviel Obst, das kriege ich gar nicht mehr alles aufgegessen“, antwortet es tapfer von oben.

Ich aber fühle mich plötzlich sehr sowjetisch. Ein argloser Westler, vom russischen Schicksal gepackt und zurück geschossen in trübsten sowjetischen Alltag: Der Schweinegrippe haben wir es zu verdanken, dass das eigentlich hochmoderne „Republikanische Natale Zentrum“ in der Wolga-Stadt Tscheboksary die totalitären Regeln sowjetischen Quarantänewahns wiedereingeführt hat: Keine Schwangere, keine Wöchnerin darf aus dem Geburtshaus, kein Verwandter, kein Vater rein. Man kommuniziert durchs Fenster, fuchtelt und winkt, wenigstens gibt es Handys, man muss nicht mehr schreien wie die traurigen Heldinnen und Helden des Sowjetkinos, dessen Drehbuchautoren zugesperrte Gebärhaftanstalten zu einem der unwitzigsten Komödienklischees Russlands gemacht haben. 

Mann ist draußen. Das sich anbahnende Wunder findet drinnen statt, hier draußen scheint es beiläufig zu werden und fremd, man ist ihm so fern wie jeder fröstelnd vorbei eilende Passant. Übermorgen kommt meine Tochter zu Welt, sehen werde ich sie erst Tage später, auf dem Bildschirmchen einer digitalen Kamera, die meine Frau drinnen voll geschossen hat.  Meine Tochter liegt verpackt wie ein Paket auf einem Blechregal, mit einem Pappzettel dran. Adressiert, weiß Gott, an wen. Manchmal ist das Leben in Russland zum Heulen lieblos.

Kommentare (2) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE