MüNCHEN, Dienstag, der 1. März 2016
Martin Zöller

Gegen die Ängstlichkeit: Warum ich Hirnwindung 3 gekündigt habe

Wenn ich mich heute entscheiden müsste, als was ich wiedergeboren werden will, eines würde ich ausschließen: als Briefkasten. Bis vor ein paar Jahren war das ein schöner Beruf, an guten Tagen kamen Liebesbriefe und Postkarten, nur an schlechten Rechnungen. Heute ist der Einwurf der Zeitung der Höhepunkt des Tages. Postkarten? Kaum noch: Unsere Freunde drangsalieren uns schon während des Urlaubs über Whatsapp und Co mit sonnigen Strandbildern. Warum dann noch eine Postkarte?

Stattdessen also Rechnungen. Und vor allem: Werbezettel. Von Maklern, Gartenbauern, Möbelcentern und von „Lieferservice Phantasia“ aus, sagen wir Trudering, der selbstbewusst behauptet, mir auch in den Münchner Westen „ofenfrische“ Pizza, Frühlingsrollen und/oder Sushi liefern zu wollen. Kurzum: Mittlerweile trage ich den Briefkasteninhalt nicht mehr freudig ins Haus, rufe „huhu, die Post ist da!“ und alle strömen zusammen. Nein, ich gehe vom Briefkasten direkt zur Papiertonne, wo meine Synapsen ein wählerisches Sofort-Auslese-Verfahren starten. Nur das wichtigste kommt mit ins Haus.

Am Samstag ist dies nun einem merkwürdigen Zettel gelungen, wie Blei liegt er seither auf dem Küchentisch und ich frage mich, was sich meine Synapsen dabei gedacht haben. Es ist ein Flyer einer Firma, die zu einem „Infoabend“ über „Einbruchsschutz“ einlädt.  (Natürlich darf auch nicht das Foto eines Mannes mit Strumpfmaske fehlen, der gerade ins Fenster einsteigt.)

Die Diskussion der Hirnwindungen an der Papiertonne stelle ich mir so vor: Hirnwindung 1: „Das Haus kann gar nicht sicher genug sein! Du hast Frau und Kinder! Behalt den Zettel!“. Hirnwindung 2: „Das Haus ist eh schon überübersicher, weg mit dem Flyer!“ Gerade will das Hirn der Hand das Signal zum „Fallenlassen!“ geben, da tritt eine aschgraue Hirnwindung 3 auf und murmelt: „Hhmm…in diesen Zeiten…“. Und plötzlich nimmt meine Hand den Flyer und trägt ihn ins Haus.

Nun frage ich mich: Wo kommt denn „Hirnwindung 3“ her? Hätte die sich vor einem Jahr auch schon eingemischt? Diskutiert sie ab einem gewissen Alter einfach immer mit? Ist sie bescheuert? Oder vernünftig?

In Angesicht des Zettels habe ich Hirnwindung 3 jetzt zu mir zitiert, verdruckt und miesepetrig trat sie vor mich hin. Und rechtfertigte sich: Sie käme ursprünglich „aus der Magengegend“ und sei da für die „schlechten Gefühle“ zuständig gewesen. Dann murmelte sie wieder „…in diesen Zeiten…“ und schaute fahl aus der Wäsche. „Das reicht“, sagte ich, schmiss sie raus und rief Hirnwindung 1 und 2: „Hütet Euch vor der! Ich beschließe eine Verfassungsänderung: Ihr habt in Zukunft doppeltes Stimmrecht an der Papiermülltonne!“

Gemeinsam zerknüllten wir den Zettel. Ich werde am „kostenlosen Infoabend zum Thema Einbruchsschutz“ nicht teilnehmen. Hirnwindung 1 und 2 werden alles weitere in Ruhe besprechen.

(in: Kolumne “Münchner Freiheit” im “Münchner Merkur” am 1.3.2016)

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