MOSKAU, Dienstag, der 3. November 2009
Stefan Scholl

Georgisch. Schrecklich. Schön.

Georgische Politiker neigen zur Emphase. Schalva Natelaschwili, Führer der oppositionellen Partei der Arbeit, strahlt vor Freude, einen Deutschen zu sehen. „Deutschland hat mir ein zweites Leben geschenkt. Ohne die Chirurgen, die mich in Wien am Herzen operiert hätten, wäre ich schon tot.“ Ich versuche ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die Wiener Chirurgen sich vermutlich schwarz ärgern würden, wenn sie wüssten, dass er sie Deutsche nennt. Aber den Einwand wischt er weg. „Ihr habt doch eine Sprache, eine Kultur, eine Seele.“

Natelaschwili spricht weiter, georgische Politiker neigen zum Monolog, er beklagt sich über die abtrünnigen Abchasen und Südosseten. „Wenn sie nicht mit uns zusammenleben wollen“, jetzt verfinstert sich seine Stirn, „sollen sie doch nach Russland gehen.“ Kein Wort mehr über gemeinsame Sprache, über die Einheit der Seele. Schalwa Natelaschwili aber hat sich in Fahrt geredet, jetzt schimpft er über die Kumpanei zwischen Präsident Saakaschwili und westlichen Diplomaten: „Der deutsche und der britische Botschafter, die bekommen jeden Monat von Saakaschwili 100.000 Dollar Schmiergeld.“ Der Oppositionelle lacht grimmig. „Damit können Sie mich zitieren.“

Georgier sind bekanntlich Männer der Ehre, und die scheinen sie auf sehr altertümliche Weise auszulegen: „Viel Feind, viel Ehr!“ So machen sie gern Front gegen den eigenen Präsidenten, die Vertreter des Westens, gegen Abchasen, Osseten und das riesige Russland dahinter. Georgien ist sehr kaukasisch. Aber ist das kein schreckliches Land, dessen politische Psychologie offenbar im frühen vorletzten Jahrhundert hängen geblieben ist?

Draußen auf der Straße aber schaukelt es herbstgold durch die Luft. Die letzten Blätter eines Ahornbaumes fallen. Und irgendwo rast eine Trommel, eine Ziehharmonika folgt mit Schwung, das fröhliche Stakkato wirbelt aus einem offenen Fenster im Erdgeschoss. Dahinter tanzt ein Mädchen, vielleicht 13, vielleicht 17, es tanzt mit halbgeschlossenen Augen und hoch gerecktem Kinn. Dass das Mädchen bildhübsch ist, spielt dabei keine Rolle, soviel Stolz, Anmut und Glück liegt allein in seinen Bewegungen. Es tanzt einen  Volkstanz, der aus dem 18., vielleicht auch aus dem 16. Jahrhundert stammen mag. Und plötzlich ist dieses so schrecklich an seiner Vergangenheit hängende Land wieder schrecklich schön.

  

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