SYDNEY, Dienstag, der 3. Juni 2008
Julica Jungehülsing

Glauben, wissen, zweifeln

Seit ein paar Monaten versuche ich, mich für den World Youth Day zu akkreditieren. Akkreditieren heißt so viel wie “beglaubigen, bevollmächtigen”. Das hat mit Bürokratie zu tun und wird von Journalisten hin und wieder verlangt: vor Großereignissen oder brisanten Terminen wie Fashion Week oder G8-Gipfel. Ist lästig und nicht zu ändern, dauert meist ein bis zwei Stunden.

Die Akkreditierung für das Massen-Ereignis der Pilger – also called WYD – im Juli in Sydney hat mich bislang sieben Stunden gekostet. Die gigantische Medienmaschine, die hinter dem WYD steckt, will mich nämlich ganz ganz genau kennen lernen, ehe sie mir erlaubt, über das Ereignis zu schreiben.
Ich habe Formulare ausgefüllt und Beweise meiner Tätigkeit hochgeladen. Ich habe Fotos von mir runtergeladen (ohne Schatten auf dem Gesicht, weniger pixel bitte, mehr pixel, zu viel Arme, Nase mehr nach links). Ich habe Auftragsbriefe von Redaktionen verschickt, den WYD-Mediadamen meine Hobbies und mein bisherhiges Leben geschildert. Ich bin immer noch nicht akkreditiert. Und ich beginne zu zweifeln. Es fehlen: Das polizeiliche Führungszeugnis (mal im Ernst: was gehen den Jugendtag meine Vorstrafen an? Saß nicht sogar Jesus mit Sündern zu Tisch?). Und es fehlen: drei verschiedene, amtlich beglaubigte Identitätsnachweise. Drei. Mal unter uns: Wenn ich was richtig Böses vorhätte, und zu dem Zweck also eine ID fälschen würde. Würde ich dann nicht auch schaffen, drei Papiere zu fälschen… ?

Zum Glück wird die Welt notfalls auch ohne meine Akkreditierung über Massenmesse, Pilger und Papst erfahren: Denn wie berichtet kommen noch etwa 5.000 andere Journalisten aus aller Welt her (sind die wohl alle schon akkreditiert?). Das sind Kollegen, die daheim in den Redaktionen “Religion & Kultur” sitzen, oder in “Jugend & Welt” oder im Ressort “Ausland”. Und weil Sommer ist, kann Australien auch ausnahmsweise mal “Ausland” sein und fällt nicht wie sonst unter “Reise” oder “Vermischtes”. Zumal ja der Papst kommt, und der war schließlich Deutscher, ehe er in den Vatikan zog. Oder ist es immer noch. Keine Ahnung, wie das mit der doppelten Staatsbürgerschaft bei Päpsten ist. Auf jeden Fall ist der Bezug da und das Sommerloch auch, und da sollen dann ja gern ein paar Kollegen nach Sydney fliegen.

Wenn die Papstmesse vorbei ist, dann haben die meisten noch ein bisschen Zeit: “Wo ich schon da unten bin, geh ich noch kurz ans Reef und mach dann noch die Aborigines”, mailt der Kollege vom Regionalanzeiger und fragt nach Tipps. Er guckt Papst, taucht und ‘macht Aborigines’. “Drei Tage reichen da doch, oder?” erkundigt er sich noch, “für die Aborigines?” – “Ja sicher”, lüge ich beherzt. Kein Problem – Drei Tage für die Recherche eines Problems, an dem ein Kontinent seit Jahrhunderten nagt und dessen Zeitzeugen auf einem riesigen, weiten Kontinent verstreut leben – Drei Tage sind üppigst bemessen… Viel Spass und gutes Gelingen! Ich mach mich dann mal für zwei Wochen aus dem Staub. Ich schaff die WYD-Akkreditierung eh nicht.

Ps: Wissen Sie was der Werbeslogan des Jugendtages in Sydney ist? "WYD – the time of your eternal life". Da komm ich mir schon wieder kleinlich vor mit meinem Gestöhne über die sieben Stunden Formulare ausfüllen und Beglaubigungen beglaubigen lassen.

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