JOGJAKARTA, Sonntag, der 20. September 2009
Christina Schott

Idul Fitri in Indonesien: ein Gebet für die Toleranz

Das Erste, was mir heute Morgen beim Aufwachen auffiel, war diese Stille. Nur das Klimpern des Bambuswindspiels vor dem Fenster war zu hören. Letzte Nacht hörte sich das noch anders an: Bis in die frühen Morgenstunden verkündete die volle Lautsprechermacht aller Moscheen Jogjakartas, dass Allah groß und Mohammed sein einziger Prophet sei – und zwar ununterbrochen, immer den gleichen Satz, vom gestrigen Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang heute früh. So begrüßen die Indonesier Idul Fitri, das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan: Es ist diese eine Nacht im islamischen Jahr, in der jeder einmal ans Mikrophon darf. Wenn die Muezzine sich heiser gerufen haben, übergeben sie an die Dorfältesten, bis diese wiederum von ihren Söhnen abgelöst werden und auch Kinder dürfen sich zwischendurch versuchen, sobald sie von ihren Laternenumzügen zurückgekehrt sind.

Auf der Suche nach den letzten geöffneten Läden – wir hatten vergessen, Milch zu kaufen – sind wir gestern Abend mehrmals zwischen diese leuchtenden Paraden geraten, die nach dem Abendgebet von jeder Moschee loszogen. Viele Umzügler trugen mehr oder weniger kunstvolle Modelle ihrer jeweiligen Gotteshäuser vor sich her, es gab aber auch andere Motive wie zum Beispiel überdimensionale Schmetterlinge oder geflochtene Palmblätter, in denen der traditionelle Festtagsreis gekocht wird. Weniger Kreative hatten sich einfach vorgefertigte Laternen im Teletubby-  oder Mickymaus-Design besorgt. Jede dieser Paraden kündigte sich ebenfalls mit dem lautstarken Lobpreis Allahs an, meist begleitet von Trommelgruppen.

Während die glühenden Gesichter der Kinder hinter den Laternen auch bei mir Festtagsstimmung aufkommen ließ, erhielt diese einen Dämpfer, als ich die Sicherheitskräfte bemerkte: In der gesamten Stadt hatten Anhänger der radikalen „Front der Verteidiger des Islam“ (FPI) die Koordination übernommen. Anfang des Jahres stand die FPI kurz vor dem Verbot, nachdem sie in Jakarta Mitglieder eines gemischt-religiösen Forums während einer friedlichen Demonstration brutal zusammengeschlagen hatte. Doch außer der Festnahme des FPI-Anführers unternahmen weder Polizei noch Regierung weitere Schritte – wie so oft bei früheren Vorfällen dieser Art.

Die FPI ist auch eine der treibenden Kräfte hinter einem neuen Gesetz, das das Parlament der autonomen Provinz Aceh vergangene Woche verabschiedet hat. Tritt es in Kraft, werden Ehebrecher in Aceh – der einzigen Provinz Indonesiens, in der das Scharia-Recht gilt – demnächst mit Tod durch Steinigung bestraft. Zwar hat die Regierung eine Revision des Gesetzes beantragt, doch bringt schon allein die Tatsache der regionalen Parlamentsentscheidung viele indonesische Intellektuelle zum Zweifeln an der bisher so gepriesenen Toleranz ihres Landes. Dementsprechend unwohl wurde mir also, als ich sah, dass die FPI im sonst doch sehr moderaten Jogjakarta die Koordination der Idul-Fitri-Feierlichkeiten übernahm. Erst recht, als eine Parade an mir vorbeizog, die einen riesigen Davidstern mit sich trug – durchstochen von einem Schwert.

Seit heute morgen trudeln Dutzende von SMS auf meinem Handy ein, die alles Gute zu Idul Fitri wünschen. Dazu gehört die traditionelle Formel, mit der man sich für alle Fehler entschuldigt, die man jemals begangen hat. Auch ich werde diesen Spruch heute noch mehrmals sagen, werde ihn sogar manchmal so meinen, werde Palmblüten in Kokosnusscurry essen und süßen Tee trinken. Und hoffen, dass Indonesien das tolerante Land bleibt, als das ich es bisher kennen und lieben gelernt habe: ein offenes, säkulares, mittlerweile demokratisches Land, in dem fundamentalistische Schlägertrupps keine Gesetze bestimmen können. 

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