CHRISTCHURCH, Mittwoch, der 6. Mai 2009
Anke Richter

Im sichersten Zug der Welt

Vor ein paar Wochen fuhr ich in einem Hochsicherheitstrakt. Der TranzAlpine ist einer von gerade mal drei Zügen, die durch Neuseeland rattern. Außerdem bringt er einen in viereinhalb Stunden von der Ostküste der Südinsel zur Westküste. Schneller und schöner lässt sich kaum ein Land durchqueren, Alpenpanorama inklusive. Und rundum abgesicherter auch nicht. Das größte Risiko bei einer Fahrt auf dem sichersten Zug der Welt besteht darin, dass man sich aus Verzweiflung darüber, wie unausstehlich sicher alles auf dieser Zugfahrt ist, am liebsten vor den Zug werfen will.  

Denn der TranzAlpine ist nicht einfach nur ein Pendlerzug, der Schichtarbeiter von Christchurch nach Greymouth bringt. Oh nein. Der TranzAlpine ist ein Touristen-Erlebnis und entsprechend teuer, obwohl er keinerlei Hauch von Orient-Express verströmt. Was den hohen Preis rechtfertigt, ist die Fürsorge auf dieser Fahrt. Mit unzähligen Durchsagen wird der Passagier alle Viertelstunden gemartert. Sie dienen zum einen dem besseren Verständnis der Umgebung – wer möchte nicht gerne mehr über die Schluchten des Waimakariri Rivers erfahren? – zum anderen der Abwendung von Schaden an Leib und Seele.  Stecken Sie Ihre Hand nicht zwischen die Abteiltüren – es könnte sehr schmerzhaft sein. Bleiben Sie während der Fahrt durch den Tunnel auf jeden Fall auf Ihren Plätzen sitzen – auf keinen Fall aufstehen! Wir schalten solange das Licht aus, also höchste Vorsicht. Verzehren Sie bitte keine alkoholischen Getränke, die Sie nicht von uns gekauft haben. Wenn Sie auf der Aussichtsplattform am Zugende stehen, dann halten Sie bitte keine Körperteile und fotografische Ausrüstung nach draußen: Sie können sich ausmalen, was passiert! Bleiben Sie beim Zwischenstopp nicht zu lange auf der Toilette – Sie könnten die Abfahrt verpassen! Und lesen Sie auf jeden Fall die Sicherheitshinweise, die auf einem Blatt in ihrer Sitztasche stehen. 

All diese Instruktionen sind so entwaffnend freundlich vorgetragen, dass man den Babysittern in Schaffneruniform gar nicht böse sein kann. Mir fehlte bei dieser Intensivbetreuung rein gar nichts, außer einem Anschnallgurt. Seltsamerweise waren keine Schwimmwesten unterm Sitz verstaut, für denn Fall, dass der Zug in den Waimakariri River stürzt. Aber das kommt sicher noch. Denn das ach so wilde Neuseeland, einst Spielwiese von Pionieren, Wildschweinjägern und polynesischen Kriegern, ist längst zu einer Nation von Weicheiern mutiert, die in Watte verpackt werden.  

Schuld daran, dass man nicht mal mehr im Zug durch einen Tunnel fahren kann, ohne per Ansage an seinen Sitz gefesselt zu werden, ist OSH – „Occupational Safety and Health“. Der Kiwi-TÜV, gehasst und gefürchtet. Zugegeben: Dank OSH verlieren weniger Bauern ihre Finger in Häckselmaschinen. Dafür drohen jetzt andere Gefahren. Ein flüchtender Fahrradfahrer, der in Nelson ohne Helm fuhr, wurde im Februar von einem aufgebrachten Beamten mit Pfefferspray attackiert. Als der Helmverächter nach dieser Sicherheitsmaßnahme immer noch nicht aufgab, rammte ihn der Polizeiwagen und drückte ihn gegen eine Böschung. Der Mann kam mit einer Beule an der Stirn davon. Wäre er doch bloß Zug gefahren.  

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