HANNOVER, Mittwoch, der 6. Januar 2010
Alexander Budde

In größter Not

Wer einmal am eisigen Mahlstrom des Dettifoss oder am kalbenden Gletscher Vatnajökull stand, der weiß, was Naturgewalten sind.  Die Isländer sind es gewohnt, den Elementen hilflos ausgeliefert zu sein. Doch ihr Tanz auf dem Vulkan fand mit dem Finanzbeben im Herbst 2008 ein jähes Ende.  Sturmfluten wurden ausgelöst, die nun über die 320 000 Insulaner hinweg rollen.  Die roten Brandfackeln der Demonstranten vor dem Amtssitz ihres Präsidenten  Ólafur Ragnar Grimson sind Zeichen der größten Not. Viele verloren Arbeit und Altersgelder, müssen um Haus und Auto bangen, weil sie hoffnungslos überschuldet sind.

Das Volk möge nun entscheiden, ob der vom Parlament beschlossene Plan zur Entschädigung ausländischer Kunden der Internetbank Icesave Bestand haben soll. Eines steht fest: Islands Banken – und notfalls die Regierung – müssen für die Pleite haften. Und die Gläubiger haben alle Trümpfe in der Hand. Verweigern sich die Isländer der Rückzahlung, stehen weitere Teilzahlungen des Hilfspakets in Frage. Und auch der Beitritt des Landes zur Europäischen Union.

Wenn nun der Souverän über den künftigen Kurs bestimmen soll, dann ist das auch eine Bankrotterklärung der Politik. Konservative und Fortschrittspartei hätten den Rückzahlungsplan um ein Haar schon im Parlament zu Fall gebracht. Ausgerechnet jene schüren jetzt die Massenproteste, die Island an den Rand des Abgrunds brachten. Indem sie junge Banker einfach machen ließen, mit denen sie einst die Schulbank teilten.  Vetternwirtschaft, Korruption und Mauschelei zwischen Politik und Hochfinanz sind das eigentliche Übel. Mit dem Plan, die rot-grüne Regierung zu stürzen, ist wohl auch die Hoffnung verbunden, von der Aufklärung dieser Machenschaften verschont zu bleiben. 

Regierungschefin Johanna Sigurdadottir betont, Island werde sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Ihr muss es nun gelingen, das revoltierende Volk bis zum 20. Februar von den bitteren Notwendigkeiten zu überzeugen. Gelingt es ihr, steht sie stärker da als je zuvor. Die Abrechnung in Island könnte endlich beginnen.

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