BERLIN, Dienstag, der 5. Oktober 2010
Clemens Bomsdorf

In Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse 2014

 

Sie sieht aus wie ein dezenter Grufti und schreibt wie eine junge Kreuzung aus Herta Müller und Günter Grass – Sofie Oksanen, der neue literarische Jungstar aus Finnland. Nun ist ihr Buch ‘Fegefeuer’ in Deutschland erschienen.

 

Mit ihrer politisch-privaten Familiengeschichte hat die junge Schriftstellerin mit estnischen Wurzeln gleich zwei Generationen eine eindrucksvolle Stimme gegeben. Zara, eine Russin im Alter der Autorin, in Deutschland zur Prostitution gezwungen, ins Estland ihrer Vorfahren geflohen, trifft dort 1990 auf ihre Großtante Aliide Tru, die im Krieg und unter sowjetischer Besatzungszeit ebenfalls unter der Macht der Männer litt. Die Peinigung hat sie stark gemacht, so stark, dass sie zu unerwarteten Rachetaten fähig ist.

Leidensweg, Kraft und Kapitulation der Frauen in den Jahrzehnten nach 1930 und nach 1990 beschreibt Oksanen eindrücklich und mit einfallsreicher Sprache. Der Roman ist nicht nur eine Geschichte der zwei Frauen, sondern gibt zugleich Einblicke in das Leben unter einem Regime, dass die nun aufwachsende Generation nur noch vom Hörensagen kennt.

Finnland ist erst in vier Jahren Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, vielleicht kommt bis dahin ein weiterer Oksanen. Zu wünschen wäre es. Die nordischen Nachbarländer überschwemmen den deutschen Buchmarkt nahezu mit Titeln (leider handelt es sich dabei vielfach um Krimis, die nur zu lesen lohnt, wenn wirklich Zeit vertrieben werden muss – Müßiggang ist meist die bessere Alternative.). Finnische Literatur wird im Ausland oft vernachlässigt, Oksanen hat das Zeug dazu, das zu ändern.

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