TOULOUSE, Freitag, der 16. September 2011
Birgit Kaspar

Jeder für sich, gemeinsam gegen Sarkozy

Da standen sie nun vor der Kamera des französischen Fernsehsenders France 2, die sechs Bewerber für die sozialistische Präsidentschaftskandidatur. Zu Anfang ein bisschen nervös, etwas bemüht, schließlich geht es um viel. Ségolène Royal, die bereits 2007 gegen Nicolas Sarkozy angetreten war und verlor, zeigte sich mit Abstand am besten geschminkt. Doch ihr gewinnendes Dauerlächeln hatte etwas irritierendes. Offenbar hatten ihre Berater es verordnet, damit sie trotz der allgemeinen Krisenstimmung vor allem Zuversicht verbreite. Aber punkten konnte sie bei diesem knapp dreistündigen TV-Politmarathon mit ihrem ‘I can do it’-Grinsen nicht.

Royal, Franҫois Hollande (der in den Umfragen vor dem Fernsehduell führte), Martine Aubry, Manuel Valls, Arnaud Montebourg und der sich als Statist gebärdende Jean-Michel Baylet – sie alle wollten ihr Profil vor den für den 9. Oktober angesetzten Vorwahlen der Parti Socialiste schärfen. Aber auch gleichzeitig die gemeinsame linke Plattform stärken. Hollande: „Das Wichtigste ist, dass uns (bei den Präsidentschaftswahlen) 2012 der Wechsel gelingt. Ich habe nur ein Ziel: Dass die Linke gewinnt.“ Natürlich am besten mit ihm an der Spitze. Ein Ende des für Frankreich tragischen Sarkozysmus sei notwendig, darin waren die sechs potentiellen Frankreich-Retter sich einig.

An diesem langen Fernsehabend, dessen Ausgewogenheit sorgfältig geplant war, wurden mehr oder weniger vage Programme vorgestellt, nichts Neues, nichts Überraschendes. Ein paar unterschiedliche Ansätze, Akzente. Aber nichts, was den informierten Zuschauer sehr viel weiter bringen konnte. Die Finanzen wollen sie alle restrukturieren, mehr soziale Gerechtigkeit soll geschaffen werden, gleichzeitig müsse Frankreich aus der Schuldenfalle raus, den Ausbildungssektor wollen sie stärken. Schließlich garantiere die Jugend die Zukunft der ‘Grande Nation’. Ach ja! Und ein paar grüne Ideen dürfen auch nicht fehlen, denn in Frankreich erwacht so langsam das ökologische Bewusstsein. Ja, sogar mit Blick auf die Nuklearpolitik.

Spannender als Finanzmodelle gespickt mit Slogans und Bankenschelte sind die unterschiedlichen Persönlichkeiten der drei Hauptkontrahenten. Franҫois Hollande, der sich so gerne als freundlich, humorvoll, zuverlässig und völlig „normal“ gibt, zeigt seine Terrier-Qualitäten. Es passt ihm nicht, in Frage gestellt zu werden. Er kann ganz schön verbissen dreinschauen, wenn seine Rivalen sich positiv in Szene setzen. Und sogar wütend bellen. Hollande redet ohnehin viel und gerne. Martine Aubry scheint präziser, auf souveräne Weise kämpferisch. „Je suis claire – Ich bin klar“ ist einer ihrer liebsten Nachsätze. Nur falls es jemand nicht gemerkt haben sollte. Sie hat in meinen Augen etwas „Merkeliges“ – diesen sehr ernsten Zug, mit einem starken Unterton von mütterlicher Sorge für die Nation gepaart mit deutlichem persönlichen Machtwillen. Das macht sie nicht unbedingt charismatischer. Aber es könnten ihre Entschiedenheit und in der Tat Klarheit sein, die sie als Persönlichkeit präsidiabel machen. Und Ségolène Royal? Sie lächelt nett, wirkt sympathisch, ein bißchen gebremst, wedelt mit ihrem Programm für die Nation und bleibt ohne nachhaltige Wirkung.

Für mich ist Aubry bei diesem Polit-TV-Marathon ohne große Überraschungen aber mit durchaus unterhaltsamen Passagen die Punktsiegerin. Wie die anderen knapp 5 Millionen Fernsehzuschauer (laut Médiamétrie war die Debatte mit 22,1% der Zuschauer der Spitzenreiter des Abends und schlug damit sogar knapp den populären Kochwettbewerb „Masterchef“ auf TF 1) das einschätzen, dürften die nächsten Umfragen zeigen.

 

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