CHRISTCHURCH, Donnerstag, der 14. Juli 2011
Anke Richter

Kämpft mit mir für die Gummilatsche!

Jedes Land hat seine Kulturgüter, die es gegen kommerziellen Zugriff und  Globalisierung verteidigt. Daher schreibe ich zum Beispiel für die taz. Die gute Sache zählt, nicht das schnöde Honorar. Nach all den Jahren meines Einsatzes auf internationaler Ebene fordere ich meine Leser nun im Gegenzug auf: Liebe Gummilatschen-Träge aller Länder, zeigt Euch solidarisch! Sprecht nie wieder von „Flip-Flops“ und schon gar nicht von einer Marke, die wie die Hauptstadt Kubas klingt, wenn ihr tief untenrum wie eine Kreuzung aus kalifornischem Surfer und thailändischer Reisbäuerin aussehen wollt. Tauft Euer leichtes Schuhwerk, mit dem ihr über die Strände der Algarve, die Spielplätze Eurer Waldorfkinder, die Öko-Märkte und Sauna-Flure schlurft, doch bitte um. Nennt die Billigsandale mit dem Hauch von Schweißfreiheit und Abenteuer ab jetzt nur noch ‚Jandal‘.

Seht es als die Rettung einer aussterbenden Spezies, so wie das Ost-Ampelmännchen. Oder die Wale. Da habt Ihr auch nicht geschwiegen und weggeschaut. Daher nochmal, zum Üben:  JANDAL! Euer Aufschrei hilft einer kleinen Nation, die viel zu oft von Supermächten an den Rand gedrängt wird. Aber reden wir hier nicht über Australien. Reden wir über Gesellschaftspiele.

Tausende Jandalisten protestieren seit Freitag. Denn da erschien die neueste Ausgabe von „Scrabble Official Words“, die 270.000 Wörter lange Liste jener Begriffe, die im englischen Scrabble-Spiel zulässig sind. 2810 neue Wörter kamen hinzu, so wie ‚wiki‘ und ‚blog‘,  ‚tik‘ und ‚gak‘ – letztere aus dem Drogenslang – und ‚keema‘ und ‚aloo‘ aus der indischen Küche. Aber ein Wort flog raus: das unschuldige kiwianische ‚jandal‘.

Vier Millionen Neuseeländer fühlen sich fortan beraubt, wenn sie auf ihre nackten Zehen mit Gummisteg dazwischen schauen. Kiwis nennen seit der Erfindung des Kautschuks ihre Flip-Flops nun mal ‚jandals‘– offizielles Englisch hin oder her. Es ist regionale Mundart, so wie der Österreicher statt ‚Quark‘ ‚Topfen‘ sagt, von anderen Ausdrücken ganz zu schweigen. Aotearoa hat schon genug geblutet, als die Maori-Kultur zerstört und die indigene Sprache unterdrückt wurde. Nie wieder!

Wie, fragt Ihr und greift schon zur Sprühdose, um Eure Parolen an Wände zu sprayen, ist solch krasses Unrecht möglich? Weil ein britischer Lektor die Scrabble-Liste redigiert hat und behauptet, ‚jandal‘ sei ein Eigenname. Eine Marke. Bullshit! Der Mann hat nicht nur keine Ahnung – er tritt neuseeländisches Kulturgut mit Füßen. Immerhin gibt es in Neuseeland sogar den ‘National Jandal Day’, den Nationalfeiertag der Gummilatsche. Oder hört auf Howard Warner, den führenden Scrabble-Spieler meines Landes: „Wenn eine samoanische Mutter droht, ‚du kriegst es gleich mit dem jandal‘, dann weiß jedes Kind, dass es sich dabei um Schuhwerk handelt, mit dem man gut zuschlagen kann.“ Ein passendes Beispiel, denn auch ihr Recht auf Prügel am eigenen Kind haben die Kiwis vor wenigen Jahren verbittert verteidigt.

In 18 Monaten erscheint die nächste Scrabble-Liste. Zeit genug, das Ruder für uns Jandalenträger noch mal rumzureißen. Marschiert, bloggt, protestiert. Schweigt nicht. Jeder Buchstabe zählt.

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