CHRISTCHURCH, Sonntag, der 19. Mai 2013
Anke Richter

Katzenkiller und Vogelfreunde

„Pussy Riot“ haben wir auch. Ganz ohne Putin und bunte Hauben, dafür mit Hinrichtungen und echten Katzen. Gegen die laufen seit Wochen Pogrome der übelsten Art. Eine Mordwelle hat im Norden des Landes begonnen und breitet sich aus, es kommt zu Ausschreitungen und Übergriffen. Wir stehen knapp vor der Zwangseuthanasie der kleinen Lieblinge. Wo bleibt der internationale Aufschrei? Miau!

Der Mann hinter dem Felinozid ist Gareth Morgan – Haustier-Hitler für die einen, mutiger Naturschützer für die anderen. Er ist einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner, Finanzmanager und Philantrophen Neuseelands, baute Schulen auf den Solomon-Inseln, unterstützt Umweltprojekte in der Antarktis und half dem Pinguin ‚Happy Feet‘ wieder auf die Flossen. Anfang des Jahres startete er seine neueste Kampagne „Cats to go“, und seitdem wird er mindestens so gehasst wie verehrt. Denn Morgan fordert: Neuseeland muss katzenfrei werden. Ein ethisches Dilemma.

Jeder zweite Haushalt in Aotearoa hat eine Katze. Insgesamt sind es 1,4 Millionen, was uns im Pro-Kopf-Durchschnitt angeblich zum Land mit den meisten Miezen macht. Ganz schön schnurrig, wenn da nicht all die einheimischen Vögel wären. Oder waren. 40 Prozent von ihnen sind bereits ausgestorben, neun Sorten insgesamt. Der Rest ist bedroht, und wer ist schuld daran? Vor allem streunende Katzen, so Gareth Morgan. Eine allein könne pro Woche an die hundert Vögel erlegen. „Das kleine flauschige Bündel, das Ihnen gehört, ist ein ‚natural born killer‘“, so Morgans Appell. Er plädiert dafür, sich keine Katze mehr anzuschaffen, wenn die alte ins Gras beißt. Auch Einschläferung im Dienste der guten Sache sei „eine Option“.

Da sträubt sich bei Frauchen oder Herrchen das Fell. Die Fronten zwischen Vogel- und Katzenfeinden haben sich in den letzten Monaten verhärtet. In Pahia, einer Kleinstadt in der Bay of Islands, kam es in den letzten Wochen zu hässlichen Szenen. Es geht vor allem um eine Kolonie heimatloser Katzen, die vom Tierschutzverein auf einem Grundstück der Stadt durchgefüttert werden. Die Miezenfreunde bezeichnen sich als „Soldaten“ im „Kampf um Pahia“. Ihr Feind: Die Naturschützer von „Bay Bush“. Letztes Jahr drückte eine 70jährige Katzenoma Carol Davis aus Kerikeri gegen die Wand drohte ihr: „Du bist in dieser Stadt unerwünscht!“ Davis ging zur Polizei.

Die Stadtverwaltung hat jetzt die Fütterung der wilden Katzen verboten. Doch auch die Vogelfreunde sind nicht zimperlich. Gruselfotos auf Facebook zeugen von ihren Massakern: Katzen, die in eigens dafür umgerüsteten Possum-Fallen zu Tode gekommen sind; eine baumelt am eigenen Kiefer. „Gut gemacht“, freut sich ein Betrachter in einem Kommentar darunter. „Ich frage mich, wie viele Baby-Kiwis diese bösartige Katze getötet hat.“ An welche Romanfigur fühlt man sich bei solchen Worten erinnert? Richtig, an den fanatischen Walter aus Jonathan Franzens Buch „Freiheit“. Der kämpft gegen Hauskatzen, um die aussterbende Grasmücke zu retten. Wir können auch Bestseller in echt.

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