MüNCHEN, Donnerstag, der 11. Dezember 2008
Martin Zöller

Keine Busen, keine Bilder? Das italienische Fernsehen zensiert “Brokeback Mountain”

Eigentlich wollte ich am Montag früh ins Bett gehen, doch ich schaltete nochmal den Fernseher an. Es lief Brokeback Mountain, aha, der Film mit den schwulen Cowboys, dachte ich. Ich kannte ihn noch nicht. Ich schaute ein bisschen, er gefiel mir gut, ich blieb dran, sogar über die Werbepausen hinweg, machte mir einen Tee, schaute weiter und irgendwann um ein Uhr nachts war er beendet. Hmm, dachte ich mir, ein guter Film. Aber teilweise komisch geschnitten. 

Am nächsten Morgen machte ich den Computer an und wurde in meinem Gefühl bestätigt: "Brokeback
Mountain zensiert!" schrieb schon morgens um acht die Internet-Ausgabe der römischen Tageszeitung "La Repubblica" und stellte neben einen kurzen, empörten Artikel die herausgeschnittenen Szenen, und tatsächlich, die Szenen, die ich jetzt sah, passten genau dahin, wo ich irgendwie nicht mitgekommen war. Es waren Szenen, bei denen die beiden Hauptdarsteller Sex haben oder knutschen; ganz persönlich konnte ich auf die Szenen auch verzichten, aber für die Handlung sind sie schon wichtig. Ohne sie versteht man nämlich nicht, dass plötzlich etliche Personen, darunter die Hauptdarsteller, anders ticken.

Die Empörung vieler war jedenfalls groß, denn die Sache schien ja sonnenklar: Irgendwelche reaktionären Kräfte der italienischen Gesellschaft wollen verhindern, dass Italien schwul wird. Ganz vorne in der Verdächtigenliste: Der Vatikan und die konservative Berlusconi -Regierung. Sie hatten sich offenbar verbündet und die schwule Liebe aus dem Abendprogramm geschnitten. Schließlich hatten sich Vatikan-Mitarbeiter im letzten Monat gleich zwei Mal gegen Homosexualität ausgesprochen – oder waren zumindest so verstanden worden – und das Staatsfernsehen ist sowieso politisch gelenkt.  Ein perfides Komplott von Heteros gegen Homos?

Sogleich wurde  protestiert, an die Spitze stellte sich einmal mehr Vladmir Luxuria, die sich "Transgender" nennt, sie ist vom Körperbau ein Mann, aber lebt als Frau. Erst vor drei Wochen gewann die ehemalige Parlamentsabgeordnete der italienischen Kommunisten das italienische Dschungelcamp, die "Insel der Berühmten", weshalb Zeitungskommentatoren verwundert die italienische Toleranz feierten; nun rief Vladimir Luxuria umgehend
den Senderchef von "RaiDue" an und beschwerte sich: "Den Film ohne die beiden Szenen zu zeigen, wäre so, wie die Mona Lisa ohne Kopf: Ein Kunstwerk muss man respektieren. "Homosexuellen-Verbände wie "Arcigay", "Gaynet", sogar die "Vereinigung für die Rechte von Verbrauchern" legten nach und schimpften über "Homophobie"

Das italiensiche Fernsehen reagierte kleinlaut: "Alles Zufall": Versehentlich, so der Senderchef, sei jene Version gesendet worden, die auch für Kinder unter 14 Jahren geeignet ist. "Wir haben den Filmverleih gebeten, uns beides zu schicken, die zensierte wie die volle Version", heißt es in einer Presseerklärung der Rai." Als dann der Sendeplan gemacht wurde, habe keiner mehr auf die Kassettenhülle geschaut. Sogar der Präsident der RAI, sozusagen ZDF-und ARD-Chef in einem, Claudio Petruccioli, entschuldigte sich. Ein Reporter von "La Repubblica" fragte am Donnerstag noch einmal argwöhnisch nach: "Es gab keinen Druck aus dem Vatikan, den Film zu schneiden?" – "Nein", antwortete Claudio Petruccioli, "kein Druck vom Vatikan, kein Druck von irgendwo." Als prüde kann man das italienische Fernsehen auch eigentlich nicht bezeichnen: Angefangen vom Frühstücksfernsehen werden mit Fortschreiten des Tage die Röcke der Moderatorinnen auf allen Programmen kürzer und die Posen deutlicher. (Maßstäbe setzt dabei schon kurz nach den Abendnachrichten die Klamauksendung "Striscia la notizia", bei der zwei junge Damen auch mal lasziv über den Schreibtisch der Moderatoren krabbeln.)

Ist dauerhafte Beschallung mit Busen moralischer als schwule Cowboys? Der Fall "Brokeback Mountain" ist noch nicht ausgestanden. "Die peinlich berührte Erklärung der Rai kann meiner Meinung nach nicht den Vorwurf der Zensur entkräften", meinte am Mittwoch Senator Luigi Vimercati, der in einem Rai-Kontrollgremium sitzt, "ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Parlament setzen lassen."

Das soll er.  Ich bin eh immer etwas langsam, wenn es darum geht, Filme zu verstehen. Da sollte man es mir nicht noch schwerer machen, indem man alles mögliche rausschneidet.

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