Wir berichten aus mehr als 160 Ländern –
aktuell, kontinuierlich und mit fundiertem Hintergrundwissen.

Kleine Hindernisse räumen wir selbst weg

 

Es ist kurz nach Mittag. Ich habe mir gerade eine Tasse Tee gekocht und versuche, mich auf meinen Artikel zu konzentrieren. Draußen auf der Straße höre ich die Müllabfuhr. Sie kommt ungefähr sechs Mal täglich. Das ist gut so, bei dem Abfall, den das Viertel ständig in den drei grünen Containern an der Straßenecke ablädt. Nicht so gut ist die Dezibelstärke dieser Uralt-Mülllaster. WBei offenem Fenster versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.

Plötzlich geht ein ohrenbetäubendes Hupkonzert auf der Strasse los. Es steigert sich zum Crescendo. Und will gar nicht mehr aufhören. Schließlich gehe ich etwas ungehalten auf den Balkon, um zu sehen, was da los ist. Lärm ist ja normal, aber das… Es ist wieder einmal so weit: Ein superschlauer Autofahrer – oder war es eine Autofahrerin? – hat seinen Kleinwagen neben einer improvisierten Absperrung geparkt, die eigentlich dazu da ist, ein Parkverbot zu signalisieren. Weil nämlich sonst die Müllwagen nicht mehr vorbeikommen. Genau das ist das Problem. Und zwar nicht zum ersten Mal.

 

Das geparkte Auto steht also fast mitten auf der Fahrbahn, auf der anderen Straßenseite parken selbstverständlich noch mehr Autos. Und nun kommen die fleißigen Mitarbeiter der Beiruter Müllreinigungsfirma Sukleen mit ihrem superlauten Laster nicht mehr weiter. Hinter ihnen staut sich inzwischen der Verkehr, die Fahrer werden sauer und drücken ohne Unterlass auf die Hupe. Der Fahrer von Sukleen hupt nun auch – um den Übeltäter zu seinem Auto zu bewegen, damit er es aus dem Weg fährt. Aber: Fehlanzeige. Da hilft nur Selbsthilfe.

 

Der kleine Wagen wird kurzerhand von den Sukleen-Mitarbeitern zu Seite gehievt.

So, dass der Mülllaster schließlich ganz knapp vorbei passt.

 

Es ist schon hart, bei der Beiruter Müllabfuhr zu malochen. Aber die Sukleen-Männer in ihren grünen Anzügen sind Kummer gewohnt. Zu erwarten, dass die Polizei an solch prekären Stellen Knöllchen verteilt, ist völlig vergeblich. Das tun Polizisten in den seltensten Fällen. Von wegen „Dein Freund und Helfer“. Die Libanesen sind es gewohnt, sich selbst zu helfen, denn auf den Staat können sie sich nicht verlassen. Das nimmt mitunter groteske Formen an oder auch verabscheuenswürdige. So zum Beispiel kürzlich in einem Dorf im Chouf-Gebirge. In Ketermaya wurde ein älteres Ehepaar mit seinen beiden Enkeln auf schreckliche Weise ermordet. Der Mörder, ein Ägypter, wurde gefasst und von der Polizei zurück an den Tatort gebracht, um den Tathergang zu klären. Kaum tauchte er dort auf, fiel der Mob über ihn her, lynchte ihn und hängte ihn anschließend mit einem Metzgerhaken an einem Strommast auf. Die Polizei stand untätig daneben. Gegen diese wütende Meute traute sie sich nicht vorzugehen. Selbstjustiz ist keine Seltenheit im Libanon – wenn sie auch nicht immer so bestialische Züge annimmt. Dass der libanesische Staat ein sehr schwacher ist, ist bekannt. Aber ich denke, die Behörden müssen sich sehr bald entscheiden, ob sie zumindest versuchen wollen, die Dinge unter ihre Kontrolle zu bringen. Oder ob sie das Land sich selbst überlassen wollen. Denn die Anzeichen mehren sich, dass die Libanesen selbst zu Tat schreiten. Ob es nur um das Wegräumen störender Fahrzeuge geht oder um die Rache an tatsächlichen oder mutmaßlichen Mördern.

Newsletter

Es gibt Post!