LOS ANGELES, Mittwoch, der 7. September 2011
Kerstin Zilm

Klinsi coacht und keiner schaut hin

 

Es ist ein herrlicher Sommerabend im Fussballstadion südlich von Los Angeles:die Abendsonne scheint mild auf den saftigen grünen Rasen, wo sich junge Spieler und erfahrene Fussballveteranen fröhlich den Ball zukicken, angetrieben von UNSEREM KLINSI, dem neuen Nationaltrainer der US-Fussballmännermannschaft!.

Es ist ein öffentliches Training vor dem Freundschaftsspiel gegen Costa Rica, Eintritt frei – und keiner schaut zu. Naja, ok – ein paar Fans sind gekommen. Die Veranstalter sagen, es sind 2000, die die Südkurve füllen. Ihre Mischung bestätigt Statistiken, dass in den USA vor allem Kinder und Familien mit lateinamerikanischem Hintergrund von Fussball begeistert sind. Den Namen des neuen Trainers kennen sie auch:  “DSCHÖRGÄN KLIIIIIIINSMÄN” rufen sie auf die Frage, wer die Nationalmannschaft zum Erfolg bei der WM 2014 in Brasilien führen soll. Sie erwarten viel: Härte, Können, Wissen, Trophäen, Meisterschaften und den “Sechsten Sinn eines Weltmeisters, der weiß, welche Strategien zum Sieg führen” . Erstmal wollen sie aber vor allem Autogramme und ein Foto mit dem deutschen Fußball-Superstar.  

 

Der hat bisher mit dem US-Team nicht so viel Erfolg. In drei Freundschaftsspielen gab es ein Unentschieden und zwei Niederlagen. Das Team ist zwar gut gelaunt, Klinsi scheint alle mit seiner positiven Motivation gehörig anzustecken. Sie spielen angriffslustig aufs Tor, aber treffen tut keiner und nun müssen sie langsam mal gewinnen – sonst gibt es Stress. Oder auch nicht – denn abgesehen von ein paar auf Fussball spezialisierten Reportern und unerschütterlichen Fans kriegt die US-Sportwelt von all dem nicht viel mit. Sie ist nämlich mitten im NFL-Fieber. Am Donnerstag ist das Eröffnungsspiel für die Football-Saison. Sogar Präsident Obama musste seinen Terminplan danach richten und hat seine Rede zur Arbeitslosigkeit nach vorne verlegt um nur ja keine Football-Fans zu verärgern!

Fussball? Soccer? Interessiert hier niemanden wirklich. Und das ist für Klinsi ein Segen. Anders als in Deutschland, wo er dem Medienzirkus mehrmals am Tag jeden Kick, jedes Augenzwinkern und jeden Trikotwechsel erklären musste, kann er hier weitgehend unbeachtet fröhlich weiter experimentieren. Und im nächsten Jahr, wenn die WM-Qualifikation beginnt hoffentlich alle überraschen. Wenn dann jemand hinschaut. Die NFL-Saison ist im Juni zwar lange vorbei, aber Basketball mitten in der heissen Playoff-Phase. 

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