MOSKAU, Freitag, der 20. April 2012
Stefan Scholl

Kriminalpolizisten und Möbelschreiner

Liebe Leser,

wenn Sie des Russischen kundig sind, empfehle ich Ihnen Jewgeni Roismans Blog http://roizman.livejournal.com/1353580.html

Roisman, Geschäftsmann und Bürgerrechtler, leitet in Jekaterinburg die Stiftung „Stadt ohne Drogen“, der Mann hat Courage, gute Informationen und ein literarisches Gefühl für die Wirklichkeit. Unten die Übersetzugn seines Blocks für alle, die kein Russisch können, aber mehr über die Regeln des russischen Behördenalltags erfahren möchten.

 

Polizei

Die Kriminalpolizei unserer Stadt hat einen neuen Chef. Einen Major, aus Moskau. Einen Mann der Tat, mit eisernem Griff. Als erstes fuhr er in sein neues Büro, schaute sich um, organisierte eine Schönheitsrenovierung. Und sagte zum Oberstleutnant, der ihm unterstellt ist, einen bekannten und verdienstvollen Ermittler: „Ich bräuchte noch ein Sofa, was Ordentliches.“

Wirklich, was ist ein Kripochef ohne Sofa? Das geht nicht! Wie soll der denn arbeiten? Versuchen Sie es mal ohne Sofa, dann will ich mal hören, was Sie sagen!…

Sein Oberstleutnant schlug vor: „Bestellen Sie doch eins. Bei Ikea gibt es welche.“

Aber der Mann aus Moskau senkte verschämt den Blick und sagte: „Nein, bestellen kann doch jeder!“

Und der Oberstleutnant antwortete: „Ach so, Sie brauchen eins als Geschenk!“

„Richtig!“, freute sich der Major.

An der Schefskaja gibt es eine Möbelwerkstatt, wo ein paar Männer in Handarbeit Sofas bauen. Und sie kennen den Oberstleutnant. Der gilt als ordentlicher Kerl, einer ohne Eigennutz, der vielen Leuten geholfen hat.

Er rief die Schreiner an: „Männer, könnt ihr mir helfen? Wir haben einen neuen Kripo-Chef. Er lebt sich gerade ein. Scheint ein ordentlicher Kerl zu sein. Wir bräuchten ein Sofa für sein Büro, etwas  Vernünftiges, bloß nicht zu teuer…“

„Kein Problem“, antworteten die Handwerker, „für den Kripochef machen wir das, ist doch Ehrensache. Erst recht, wenn er ein ordentlicher Kerl ist.“

Gesagt, getan. Der Oberstleutnant ging zu seinen Chef: „Das Sofa ist fertig, haben Sie jemand, der es abholt?“

Und Major Babakin, der Chef der Kriminalpolizei von Jekaterinburg, rief eine komische Figur herbei. Einen gewissen Maxim Abelbaum, den er aus Moskau mitgebracht und in seinem Haus an der Karl Marx-Strasse in der Nachbarwohnung einquartiert hatte: „Fahr da mal hin und hol den Diwan!“

Abelbaum fuhr hin. Holte das Sofa ab. Schaute sich die Werkstatt an. Bedankte sich bei den Männern. Und lieferte das Sofa bei seinem Chef ab. Dem Chef gefiel das Sofa. Und ihm kam der Gedanke, dass sich solche Möbel wohl gut verkaufen.

Abelbaum fuhr wieder in die Werkstatt an der Schefskaja. Die Männer begrüßten ihn erfreut: „Na, was hat dein Chef gesagt? Gefällt ihm der Diwan?“

„Mein Chef hat gesagt, wir sollen über Geld reden.“

„Mann, hör auf“, sagten die Schreiner, „das war doch ein Geschenk. Wir nehmen von euch kein Geld.“

„Ihr Deppen, ihr rafft es wohl nicht“, antwortete Abelbaum. „Wir wollen Geld von euch. Ihr werdet jeden Monat zahlen. Ich nehme das Geld persönlich in Empfang.“

Soweit diese Geschichte.

Wenn jemand Fakten braucht, es gibt Zeugen, die bereit sind, auszusagen. Und der Diwan steht im Polizeipräsidium von Jekaterinburg beim Chef der Kriminalpolizei. Zimmer 301.

Abelbaum ist übrigens ein Deckname. Den hat sein Besitzer offenbar noch von der Moskauer Polizei bekamen. In Wirklichkeit heißt er Maxim Walerewitsch Kakukin, geboren 1974, in Wolokolamsk. In Gangsterkreisen wird er „Monja“ genannt.

(Damit endet Roismans Blog.)

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