GENF, Sonntag, der 4. Oktober 2009
Marc Engelhardt

Leben auf Raten

Der Tag begann außergewöhnlich: schlaftrunken legte ich beim Betreten des Badezimmers den Lichtschalter um und – das Licht ging an. Das ist dieser Tage bei weitem nicht normal in Kenia. Ein zweiseitiger, eng bedruckter Plan der kenianischen Elektrizitätswerke legt derzeit dar, wann wer mit Strom rechnen darf. Mindestens drei Mal pro Woche bleibt die Steckdose kalt: so will es die Stromrationierung.

Damit umzugehen will gelernt sein. Frische Milch kaufen wir jetzt nur noch am Vorabend eines Stromtags, wenn die Kühlregalkälte (große Supermärkte genießen dank eigener Generatoren Strom rund um die Uhr) noch bis zum nächsten Morgen vorhält. Das gleiche gilt für andere verderbliche Waren. Das Eisfach ist sowieso längst leergeräumt, und im Regal daneben sind Pakete mit Kerzen gestapelt, die so eifrig gehamstert werden, dass sie oft schon ausverkauft sind. Denn eigentlich soll zumindest nachts der Strom wieder angehen – doch das klappt bei weitem nicht immer. 

Wäsche machen wir nur noch Mittwochs, denn von Freitag bis Montag gibt es kein Wasser: auch das ist wegen ausgebliebener Regenfälle rationiert. Weil die Waschmaschine Strom, aber eben auch Wasser braucht, läuft sie Mittwochs von früh morgens bis spät abends. Das Telefon schließlich ist schon lange rationiert, wenn auch leider nicht so vorhersehbar: im Schnitt funktioniert es fünf Tage im Monat, was daran liegt, dass es in Nairobi zuviele Nummern für zu wenige Anschlüsse gibt. Wer sich beschwert, bekommt seiner Nummer einen neuen Anschluss zugewiesen, der wiederum einer anderen Nummer abgezogen wird. Der Besitzer dieser Nummer beschwert sich wieder, und so geht es munter weiter wie bei der Reise nach Jerusalem.

Das ist nicht alles: der bei Kenianern so beliebte Zucker ist rationiert, weil die Zuckermühlen keinen Strom haben. Das gleiche gilt für Mineralwasserabfüller, deren Geschäft andernfalls derzeit boomen würde. Immer mehr Generatoren schließlich bleiben ausgeschaltet, weil Diesel knapp ist, denn die einzige Raffinerie des Landes klagt ebenfalls über Blackouts. Wann es besser wird? Wenn es regnet, glauben alle. Doch die Meteorologen haben für den Fall, dass es regnet, bereits Überschwemmungen vorhergesagt. Die Folgen dürften ähnliche sein.

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