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Lost in Transition

 

Heute hatten meine Kinder den ersten Schultag. Um zehn sollten sie zur Bibliothek der Tanglin Trust School in Singapur kommen. Eigentlich gehen sie in Tokio zur Schule, aber die ist seit dem Erdbeben am 11. Maerz geschlossen. Nun duerfen sie zusammen mit etwa zwei Dutzend Schulkameraden einen Ersatzunterricht besuchen. Zwei Lehrer, die aus Tokio gekommen sind, werden dafuer sorgen, dass sie die online verschickten Lernpakete durcharbeiten.

Wir gehen zu Fuss, es ist tropisch schwuel, Schweiss laeuft den Ruecken runter . “Ich mag nicht zur Schule”, sagt meine Aeltere. “Sind wir spaet dran?”, fragt die Juengste besorgt. Sind wir nicht. Vor der Bibliothek steht ein kleiner Trupp, ein Lehrer nimmt meine Kinder in Empfang. Ich halte mich etwas fern, sage Tschuess und schaue zu, dass ich wegkomme, bevor mich andere Muetter in ein Gespraech verwickeln.

Ich mag nicht wieder diese Muehle in meinem Kopf in Gang setzen. All diese Informationen hineinstopfen, die aus Tokio kommen. Versuchen, sie zu sortieren: In relevant und unwichtig, in glaubwuerdig und unglaubwuerdig. Seit acht Tagen sind wir in Singapur, die ersten Tage habe ich vollkommen neben mir gestanden. Habe brav weiter geschrieben fuer deutsche Zeitungen, alle news gescannt, mit Freunden geskypt und gemailt, die selbst im Ausland waren oder in Osaka. Einen klaren Kopf hatte ich nie.

Wie in einem Karussell drehen sich die Gedanken in meinem Kopf. Wie geht es weiter, wie lange sollen wir hier bleiben? Ist es wieder sicher, koennen wir nach Hause, nach Tokio? Viele Freunde melden sich. Sie sind froh, dass wir nicht mehr in Tokio sind. Sie wuenschen mir Glueck, richten Gruesse an die Kinder aus. Als waeren wir im Urlaub. Aber wir sind nicht im Urlaub. Weg von zu Hause, ja. Aber Ferien fuehlen sich anders an.

Wir sind irgendwie “lost in transition”. Im Niemandsland. Ich will so schnell wie moeglich zurueck. Will in Japan helfen, so gut ich kann. Wir konnten weg, haben uns Tickets gekauft und sind in Sicherheit geflogen. Anders als die Japaner, die ausharren und abwarten. Auch sie fuerchten sich, doch sie bleiben.  

 Ich habe in Singapur zwar keine Angst mehr um meine Kinder, das Handy warnt nicht regelmaessig vor einem neuen Erdstoss, die Strahlengefahr ist weit weg. Aber da ist diese Unruhe, die immer wieder aufflackert. Es ist schwer zu erklaeren, ich verstehe es letztlich selber nicht. Verglichen mit dem, was die Ueberlebenden in den Tsunamigebieten oder die Bewohner rund um das kollabierende AKW in Fukushima durchmachen muessen, sind meine Probleme laecherlich. Das weiss ich, aber dieses Wissen hilft mir auch nicht. Eine Entscheidung musste her.  

Vor zwei Tagen habe ich beschlossen, dass wir zurueckkehren. Am Freitag geht unser Flug. Ich schwanke zwischen Hoffen und Bangen, die Ungewissheit nagt wieder an mir. Ist es zu frueh? Warum bist du ueberhaupt weggegangen, wenn du jetzt nicht warten kannst?

Als ich die Kinder in der Schule abhole, sind sie ausgelassen. Beide haben es genossen, den Tag mit Freundinnen aus Tokio zu verbringen. Vor dem Einschlafen sagte meine Aelteste: “Ich freu’ mich auf die Schule morgen”. Es wird ihr zweiter Schultag in Singapur sein, und wahrscheinlich auch ihr vorletzter.

    

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