BARCELONA, Donnerstag, der 7. Juni 2012
Julia Macher

Mama Merkel

Meine Nachbarin begrüßt mich seit ein paar Tagen mit “Hallo Angela”. Der Grund: Dank der unvermeidlichen lautverstärkenden Funktion des spanischen Lichthofes bekommt die gesamte Nachbarschaft mit, wie ich versuche, ein Krabbelkind am Chaos stiften zu hindern. Und, leider, ähnelt meine Strategie der der deutschen Bundeskanzlerin: permanentes Nein sagen. Angela sagt Nein zu Euro-Bonds. Ich sage Nein zum Mülltonne ausräumen. Angela sagt: Nein, prinzipiell keine Abkehr vom Sparkurs. Ich sage: Nein, nicht das Handy ins Klo werfen. Der Unterschied: Merkels Wort hat Gewicht, meins nicht.

Tatsächlich ist die Frau im Krisen-Spanien omnipräsent. Kein Titelblatt, von dem nicht ihr Name prangt. Keine Nachrichtensendung, die ohne sie auskommt. In den Redaktionen stehen Spezialisten bereit, die jede neue Wendung deutscher Euro-Politik analysieren und kommentieren. Manchmal hat man den Eindruck, dass spanische Politik nicht in Madrid, sondern in Berlin gemacht wird.

Kein Wunder, dass inzwischen die ersten Ermüdungserscheinungen auftreten. Kein Wunder, dass das inzwischen zu erheblichen Ermüdungserscheinungen führt. Er leide unter „Ale-manía“, unter Deutschland-Manie, bekannte der Kolumnist Suso de Toro kürzlich in der katalanischen Zeitung La Vanguardia: Seine einstige Bewunderung für das Land verwandle sich langsam in eine Phobie.

Er ist nicht der einzige, der gegen Mama Merkel aufmüpft. Die Gratis-Zeitung Qué versucht es auf die Ätsch-Bätsch-Tour: „Merkel, Berlin hat keinen Strand“ titelte sie triumphierend über ein idyllisches Strandfoto. Die Rückbesinnung auf touristische Primärtugenden kommt nicht von ungefähr: Das Vertrauen in das Finanzsystem (Bankia steht vor dem Bankrott und unter dem Verdacht Bilanzen gefälscht zu haben), die Justiz (der Chef des Obersten Gerichtshofes verprasst Steuergelder auf Vergnügungsreisen und wundert sich über die Empörung) und die Politik (Amnestie für Steuersünder, Steuererhöhung für alle anderen) mag erschüttert sein, aber wenigstens aufs Wetter kann man sich verlassen. Und wem das zur Hebung des nationalen Selbstbewusstseins zu wenig ist, der hofft auf die EM.

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