portrait kerstin zilmLOS ANGELES, Samstag, der 7. August 2010
Kerstin Zilm

Man kann in Los Angeles tatsächlich Bus fahren – kommt nur drauf an, wo …

 

 

 

 

Kein Mensch fährt in Los Angeles freiwillig Bus – ok, fast kein Mensch. Die meisten, die das öffentliche Verkehrsnetz der Metropole am Pazifik nutzen, sind entweder zu arm, zu jung oder zu alt, um ein Auto zu kaufen oder sie sind illegal im Land und können den Führerschein nicht machen. Letzteres hält allerdings nicht wirklich viele vom Autofahren ab. Und so fahren sie dann auch … Die Bewohner von Los Angeles stehen lieber mit sechs Millionen anderen Autos in den Staus der Stadtautobahnen als auf Bus oder U-Bahn ausweichen. Der Grund ist ganz einfach – das öffentliche Verkehrsnetz ist eine Zumutung. Wenn ich mit dem Auto zu meinem Zahnarzt fahre, dauert das selbst mit Stau höchstens zwanzig Minuten. Mit dem Bus wäre ich anderthalb Stunden unterwegs, weil ich einmal fast eine Stunde auf den Anschlußbus warten muss. Also nicht wirklich eine gute Idee.

 

Ich wollte aber doch mal ausprobieren, ob es wenigstens möglich ist, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten mit Bus und U-Bahn zu kommen. Genauer gesagt vom Walk of Fame zum Pier in Santa Monica. Besuch hatte sich angesagt und ich verspürte eine geradezu körperliche Abneigung, zum – gefühlten – tausendsten Mal unter gnadenloser Sonne und zwischen hektischem Gewusel auf dem berühmtesten Bürgersteig der Welt zu stehen und mit gebeugtem Kopf nach den Sternen von Promis zu suchen. Zu meiner Überraschung gibt es zwischen dem Kodaktheater, wo die Oscars verliehen werden und dem Chinese Theater, wo sich unter anderen Marilyn Monroe und Arnold Schwarzenegger mit Hand- und Schuhabdrücken verewigten tatsächlich einige Haltestellen, sogar eine U-Bahn!

 Leider gibt es keine Fahrpläne oder Schilder, die es einem erleichtern würden, den Weg nach Santa Monica zu finden. Man kann online nachschauen. Wer gerade zufällig keinen Computer dabei hat, ist auf die Hilfe von Fremden angewiesen. Ich hab also rumgefragt und bekam reichlich Vorschläge, wie ich am besten ohne Auto zum Meer komme. Zum Beispiel die 20 Kilometer laufen. Oder mit mehreren Sightseeing-Doppeldeckern fahren. Und ich hörte Warnungen, dass ich im öffentlichen Bus mit urinierenden, knutschenden, fummelden Menschen rechnen müsse und mit Gangmitgliedern, die sich gegenseitig durch die Sitzreihen jagen. Das hörte sich spannend an. Ich musste den Bus schon deshalb nehmen, weil es keine U-Bahn zwischen Hollywood und Meer gibt. Und die Fahrt lief deutlich besser als erwartet: Nur einmal umsteigen und sogar mit möglichem Zwischenstopp an Rodeo Drive und Beverly Wilshire Hotel, wo Richard Gere und Julia Roberts ‘Pretty Woman’ gedreht haben. Ich war die einzige Weisse auf der Rüttelfahrt in Hartschalensitzen und mit auf Hochtouren laufender Klimaanlage. Ich war vermutlich auch die Einzige, die aus Vergnügen im Bus sass. Die meisten der dösenden oder mit Handys spielenden Fahrgäste schienen auf dem Weg von oder zur Arbeit zu sein. Zur Enttäuschung meines Reporterinnen-Herzens hab ich weder fummelnde Fahrgäste noch Gangmitglieder bei der Verfolgungsjagd erlebt. Ich weiss nicht, wie meine Gäste das beurteilen. Ich weiss nur eins: die fahren von jetzt ab Bus. Außer sie müssen zum Zahnarzt.

 

 

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE
Bücher von Kerstin Zilm