BERLIN, Donnerstag, der 13. Januar 2011
Julia Grosse

Man trifft sich bei Gericht!

Wer die Metropole London in ein paar Sätzen beschreiben will, argumentiert gern mit dem faszinierenden Grad von Normalität verschiedenster Biografien. Dabei ist diese Vielfältigkeit beim genauen Hingucken ja vor allem eine attraktiv klingende Vorstellung. Denn tatsächlich gibt es keinen einzigen Punkt in dieser Stadt, wo sie alle, alle Nationen, alle Altersklassen und alle Gesellschaftsschichten physisch zusammenkommen. Schon im Bus begegnet man einem völlig anderen gesellschaftlichen Ausschnitt als in der Tube. Und an den Knotenpunkten wie Oxford Circus oder am Leicester Square ist die Chance größer, einen chinesischen, ungarischen und französischen Touristen gleichzeitig anzutreffen, als die gleiche Kombination von Leuten, die seit Jahren hier leben.

Die einzigen Orte, an denen das dagegen tatsächlich stattfindet, sind die Londoner Gerichte. Ähnlich wie in den USA bedient sich das englische Rechtssystem immer noch des einfachen Bürgers als Geschworenen. Man wird nach Zufallsprinzip ausgewählt, und niemand darf sich einer Einladung entziehen, der zwischen 18 und 65 Jahre alt ist. Der britischindische Immobilienvertreter, der auch hier jeden Tag im Anzug antritt, plaudert mit der thailändischen Großmutter, daneben diskutiert ein britischer Klempner mit einem britischjamaikanischen Mathelehrer und einer polnischstämmigen Finanzexpertin. Sie lachen. Miteinander! Sie hören sich gegenseitig zu. Außerhalb dieser Sphäre wüssten sie nicht einmal, dass die Gesellschaft des anderen parallel zu ihrer besteht. Nun muss ein Citybanker mit einem zwanzigjährigen Raver auf Augenhöhe darüber diskutieren, ob der Angeklagte schuldig oder nicht schuldig gesprochen werden soll. Was jeder von ihnen außerhalb dieses Universums macht, spielt in diesen zehn Tagen Geschworenendienst keine Rolle mehr.

In der Kantine landen dann blasse Würstchen auf den Tellern der Geschworenen, Bohnen in neonroter Sauce, in Essig getränkte Pommes und Bluthochdruck-frittierter Fisch. Zum Nachtisch dann Chips. Das Essen wirkt wie eine Kampfansage aus Mehl, Fleisch und Fett, ein in die Jahre gekommenes, nicht gerade schmeichelhaftes Bild von Britishness, dem sich hier der Querschnitt Londons beugen muss, will er nicht verhungern. In eine TV-Serie verpackt, wären diese täglichen Szenarien im Gericht ein totaler Hit.

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