DEN HAAG, Mittwoch, der 4. November 2009
Kerstin Schweighöfer

Mannsbilder hinterm Deich

 

 Wenn ich Pech habe, träume ich noch von ihnen. Ich sehe es bereits genau vor mir: Die hochblond gefärbte Mozart-Haartolle des islamophoben Politikers Geert Wilders verschwimmt langsam ins Gräuliche und verwandelt sich in die weissgrauen Zotteln von Radovan Karadzic. Die glätten sich dann auf wunderbare Weise, um – versehen von einer kastanienbraunen Tönung – einen akuraten Seitenscheitel zu formen, unter dem auf einmal das bubenhafte Antlitz des niederländischen Premierministers Jan Peter Balkenende auftaucht, möglicherweise der erste Ständige Ratspräsident Europas.    

 Wilders, Karadzic, Balkenende – um diese drei Männer dreht sich in den letzten Tagen in den Poldern alles. Um Wilders nicht nur, weil er Umfragen zufolge mit seiner fremdenfeindlichen Partei der Freiheit PVV nach wie vor der Grösste werden würde, wenn jetzt Wahlen wären. Er schlug auch wieder einmal mit derben Beschimpfungen wild um sich:   Nachdem es andere Politiker gewagt hatten, ihn als Rechtsextremisten,  Rassisten und Gefahr für den Rechtsstaat zu bezeichnen, nahm Wilders es sich heraus, seine Kritiker als Handlanger von Mohammed Bouyeri zu bezeichnen, des Mörders von Theo van Gogh – und zwar gerade noch rechtzeitig zum fünften Todestag des ermordeten islamkritischen Regisseurs.

 Um Karadzic, weil er sich – einer verwöhnten Diva gleich – erst an seinem dritten Prozesstag dazu herabliess, vor den Richtern zu erscheinen, um dann – ebenfalls wie eine Diva – ausführlichst darüber zu jammern, dass er angesichts seiner Prozessvorbereitungen noch nicht einmal mehr Zeit habe, frische Luft zu schöpfen, geschweige denn, Sport zu treiben. Und obwohl er Tag und Nacht durcharbeite (er gähnte selbst ein paar Mal wirkungsvoll), brauche er einfach noch mehr Zeit, um angemessen seine Verteidigung auf sich nehmen zu können. Was ja auch kein Wunder ist, schliesslich hatte der ehemalige Führer der bosnischen Serben Besseres zu tun: Seit seiner Überstellung nach Den Haag im Juli 2008 haben er und seine mehr als 30 Mann starke Armada aus Juristen und Rechtsberatern das Jugoslawientribunal mit mehr als 240 Anträgen regelrecht bombardiert – ein absoluter Rekord, alle Achtung, das hat noch kein anderer Angeklagter vor ihm geschafft, wobei viele dieser Anträge von den Richtern als reine Schikane empfunden wurden. Ob Karadzic doch noch gegen seinen Willen einen Pflichtverteidiger bekommt, ist offen: Ende der Woche wollen die Richter bekanntgeben, in welcher Form der Prozess, der gestern nach eineinhalb Stunden abgebrochen wurde, weitergehen soll.

 Vielleicht steht bis dahin auch schon fest, ob der niederländische Premierminister Jan Peter Balkenende Den Haag gegen Brüssel eintauschen kann. Schliesslich fühlt er sich dort viel wohler als zuhause hinter den Deichen, wo ihm seine Landsleute das Leben zunehmend schwer machen. Balkenende muss aufpassen, nicht als unbeliebtester und farblosester Premierminister in die Geschichte der Niederlande einzugehen. Er gilt als blitzgescheit und brav, als tüchtig und vertrauenswürdig – aber eben auch als langweilig und grau. Ein Mann ohne Tatkraft und ohne Charisma. Wen wundert es da noch, dass ihn 57 % aller Niederländer, so ergab eine Umfrage, nicht vermissen würden! Aber ob sie ihn tatsächlich so schnell loswerden, bleibt abzuwarten. Dass da Skepsis angebracht ist, fand auch einer meiner Kollegen hier in Den Haag: So schlecht, meinte er, sei Europa nun auch wieder nicht, dass es Balkenende verdiene.

 

 

 

 

 

 

 

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