HAMBURG, Mittwoch, der 23. Januar 2008
Silvia Feist

Marcus Bensmann

Sonntagmorgen. Meine Mailbox meldet eine dringende Nachricht. Barbara Heine, unsere Geschäftsführerin bei den Weltreportern, braucht die Liste mit den Notfallkontakten. Unser Kollege Marcus ist in Kasachstan überfallen worden und liegt schwer verletzt in Astana im Krankenhaus.

Ich bin vor den Kopf geschlagen. Marcus’ Familie steht nicht auf der Liste. Da steht gar keine Adresse. Denn er hatte gerade sein Zuhause aufgeben müssen, als wir genau deswegen die Notfallliste begannen.

Marcus und seine Frau mussten Usbekistan verlassen. Die beiden waren im Mai 2005 im ostusbekischen Andischan gewesen, um darüber zu berichten, wie Hunderte von Menschen für mehr Freiheit in ihrem Land auf die Straße gingen. Die Polizei und das Militär verwandelten die friedliche Demonstration in ein Blutbad. Marcus und Galima erlebten es mit, eine Kugel durchschlug Galimas Laptoptasche – und die beiden berichteten. Aktuell. Und später über die Hintergründe. Seitdem galten sie als Regimegegner und beschlossen, im Sommer 2005 ihr Zuhause in Taschkent aufzugeben. Gleichzeitig waren sie entschlossen, einen Weg zu finden, weiter aus der Region zu berichten.

In dem Herbst hat er bei unserem Jahrestreffen oft die Frage gehört, warum sie nicht einfach nach Deutschland kommen. Ich habe sie auch gestellt und die Antwort geahnt. Ich hatte zu viele burmesische Exilanten kennen gelernt, die daran verzweifelten, in ihrer Heimat nicht direkt etwas bewirken zu können. Die darunter litten, im Ausland festzusitzen und kein Gehör zu finden. Wenn Journalismus nicht nur eine Profession ist, sondern eines der wenigen verfügbaren Mittel, um auf unerträgliche Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen, dann klingt die Idee, freien Journalismus in Düsseldorf zu betreiben, plötzlich fast absurd.

So ähnlich muss Marcus’ Frau Galima das empfunden haben; 2005 erhielt sie vom amerikanischen Committee to Protect Journalists den International Press Freedom Award. Marcus, der Zentralasien so gut kennt, wie wenige andere Deutsche, teilt ihre Leidenschaft, diese Welt und ihre Spielregeln zu erklären. Sie zogen nach Bischkek. Immer dabei, Marcus’ unerschütterlicher Optimismus.

Zweieinviertel Jahre später liegt Marcus im Krankenhaus. Sein Freund, der Journalist David Schraven, erzählt mir, was er am deutschen Sonntagabend weiß. Er ist bei aller Tragik beruhigt, dass alles auf einen brutalen kriminellen Überfall hindeutet. Ordinäre Gewalt als Glück im Unglück. Keine Lebensgefahr mehr. Wenig später eine neue Email. Die Sachlage hat sich geändert. In den kurzen Momenten, in denen Marcus nicht bewusstlos ist, hat er dem ARD-Kameramann erzählt, er sei aus einem Auto gestoßen worden. Doch ein gezielter Anschlag? Angst im Raum. Die Familie, David und die ARD verständigen sich sofort auf Stillschweigen, bis Marcus sicher außer Landes ist und informieren uns über die Entscheidung.

Jetzt ist Marcus in Sicherheit. In einer Spezialklinik. In unserem Netzwerk sind unzählige Emails hin- und hergeflogen. Wir warten stündlich auf neue Nachrichten. Hoffen, dass es jetzt nur noch bergauf geht. Und dass er wieder ganz gesund wird.

Wir hoffen, dass das Auswärtige Amt mit allem Nachdruck auf eine Aufklärung dieses Überfalles drängt. Dass die kasachischen Behörden, dem Verbrechen wirklich nachgehen. Im Augenblick ist noch nicht zu überblicken, ob Marcus Opfer eines "normalen" Verbrechens geworden ist oder ob der Überfall im Zusammenhang mit seiner journalistischen Arbeit steht. In der Welt, aus der Marcus berichtet, ist nicht auszuschließen, dass Kritik mit Gewalt beantwortet wird.

Der WDR, in dessen Auftrag er eine Geschichte über den Boom in der neuen Hauptstadt Astana vorbereitet hat, hat sich sofort um ihn gekümmert.

Ein großer Dank an die Kollegen. Denn plötzlich stehen bei uns auch Fragen im Raum, was es heißt, in so einer Situation, als freier Journalist beauftragt zu sein.

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