BERLIN, Dienstag, der 16. Februar 2010
Ruth Kinet

Mein Verbündeter von der ‟Bank Hapoalim“

 

Vorgestern war ich am „Kikar Hamedina“. Der „Kikar Hamedina“ wäre gerne die „Place Vendôme“ von Tel Aviv. Hier haben Louis Vuitton, Prada und Yves Saint Laurent ihre Dependencen. Aber der „Kikar Hamedina“, der „Platz des Staates“,  ist nicht elegant. Er sieht eher aus wie ein Ort auf dem Mond. Die teuren Boutiquen gruppieren sich um ein riesenhaftes staubiges Rund auf dem ein paar Bäume verloren herumlungern. Der „Kikar Hamedina“ ist ein verwirrender Ort, ein überdimensioniertes Karussell, ein Ort des Schwindels.

Vorgestern wollte ich mir am „Kikar Hamedina“ die Haare schneiden lassen. Bei einem Friseur, den mir meine Freundin Tal empfohlen hat. „Geh’ zu Moshe!“ hat sie gesagt, „du wirst sehen, er ist großartig!“ Tal weiß von meinem Friseur-Trauma. Von meinem Horror vor den ambitionierten Haar-Designern, die einen mal so richtig verwandeln und das Beste aus einem herausholen wollen und einen dabei für die nächsten fünf Monate bis zur Unkenntlichkeit verunstalten. Tal hat Geschmack und ich vertraue ihrem Urteil. Also wollte ich auch Moshe eine Chance geben. Vorausschauend fragte ich sie, an welcher Ecke des Platzes sich der Salon befindet. Sie erklärte mir, er wäre direkt neben der „Bank Hapoalim“ auf der Ecke Weizmanstraße. Alles klar.

Als die Zeit gekommen war, fuhr ich zu ebendieser Ecke, suchte die Filiale der „Bank Hapoalim“ und sah zu ihrer Linken eine Boutique mit teuren Handtaschen, zu ihrer Rechten ein Café. „Das geht ja gut los“, dachte ich. Vor der Bank saß ein Sicherheitsmann mit Sicherheitsweste und Metalldetektor, eine gehäkelte, bunte Kippa auf dem Kopf. „Der kennt sich hier aus“, dachte ich und fragte ihn nach dem Friseur-Salon „Pure“. Der Sicherheitsmann kannte sich aus, aber vor allem eben auf seinem Herrschaftsgebiet: den fünf Metern Bürgersteig vor der Bank, deren Sicherheit er sicherstellte. Er hob zu einer Erklärung an und als er nach links zeigte, wandte ich mich schon zum Gehen. Ich hatte es eilig. Der Sicherheitsmann erhob seine Stimme und sagte drohend: „Schon in der Thorah steht, ihr sollt erst hören und dann handeln!“ Er hatte noch viel mehr zu sagen. Ich ging trotzdem schon mal los. Nach links, wie er mir geraten hatte. Und siehe da, da gab es auch einen Friseur. Aber er hieß nicht „Pure“, sondern „Avi Reisz“. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder zurück, an dem Sicherheitsmann vorbei, der mich schon von Weitem fragte „Und?“ „Nichts“, sagte ich. „Es ist nicht der Richtige.“ „Hast Du denn in dem Salon nach dem anderen Friseur gefragt?“, prüfte er mich. „Nein“, sagte ich. „Es war so voll da.“ Der Sicherheitsmann konnte es nicht fassen. „Das ist doch kein Grund. Hier um die Ecke ist noch ein Friseur. Geh’ da hin und frag’ die!“ Ich war folgsam und fragte die. Sie schickten mich nach rechts. Ich gab meinem Sicherheitsmann aus der Ferne ein Zeichen, dass ich jetzt nach rechts gehen würde. Ich lief den nächsten Abschnitt des Platzes ab und fand zwei Friseur-Salons. Aber auch sie hießen nicht „Pure“. Bis vorgestern hatte ich keine Ahnung, dass es am „Kikar Hamedina“ so viele Friseure gibt.

Ich war verzweifelt und rief Tal an. „Tal“, flehte ich, „ich irre hier am Kikar Hamedina herum und kann den Salon von Moshe nicht finden. Ich habe auch seine Telefonnummer nicht dabei und kann ihn nicht anrufen“. Tal fuhr gerade Auto und ich konnte die Anweisungen, die sie über ihre Freisprechanlage gab, nur bruchstückhaft verstehen. „…Handtaschenladen… Café… 58 …33….46…“ Das half auch nicht weiter. Ich bekam Schweißausbrüche und wusste nicht was tun. Deshalb kehrte ich zurück zu dem Sicherheitsmann. Er schien mir mein einziger Verbündeter in dieser Situation. „Geh’ jetzt in den Salon dort!“, sagte er mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete und zeigte wieder nach links, wie schon beim ersten Mal. Er setzte nach: „Frag’ dort!“ Ich konnte nicht mehr eigenständig denken und tat, wie mir geheißen. „‘Pure’ ist dahinten, noch ein ganzes Stück in diese Richtung“, sagte der coole Friseur mit den Jeans, die ihm fast in den Kniekehlen hingen, lässig. Er zeigte mit laufendem Fön nach Rechts. Ich, raus aus dem Salon, wieder an meinem Sicherheitsmann vorbei, „Er hat gesagt, in diese Richtung“, warf ich ihm im Vorübergehen atemlos zu. „Viel Glück“, sagte der. Fünf Minuten später stand ich wieder vor ihm. „Weißt Du was?“, sagte mein Sicherheitsmann, einer plötzlichen Eingebung folgend, und stand von seinem Stuhl auf. „Setz Dich einfach hier hin und ich schneide Dir die Haare!“ Ich habe Moshe und seinen Salon schließlich doch noch gefunden. Wie, weiß ich nicht mehr. Es hat sich jedenfalls gelohnt.

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