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Morgens auf dem Planeten Erde (1): Rom

 

Normalerweise beginnt mein Morgen in Rom nicht damit, dass mich ein Wecker aus dem Bett piepst, sondern dass in der Wohnung über mir der kleine Francesco das Schreien anfängt oder ein Motorino so laut durch die Straße düst, dass ich aus dem Bett falle. Beides hat die gleiche Ursache – dass die Wände in Rom so dick sind wie drei Lagen Tapete und so gut isoliert wie ein nackter Eiswürfel.

Einmal wach, muss ich mich vernünftig anziehen, um wie jeden Morgen Cappuccino in der Bar zu trinken. Denn unrasiert und quasi noch im Schlafanzug würde ich zwischen lauter schicken Signori und Signore eine „brutta figura“ machen – also nicht nur morgendlich-mies aussehen, sondern mich mit meinem Erscheinungsbild gar tüchtig daneben benehmen.

Also betrete ich die Bar, den „Papagallo“, äußerlich gepflegt, innerlich müde und hänge mich an die Theke, um Dino, meinem Barmann zu sagen: „Dino, un cappuccino, per favore!“ Während ich ihn trinke und löffle, beobachte ich all die anderen: Den alten Mann, den alle „professore!“ rufen; die aufgedonnerte Tussi mit dem Mini-Hündchen. Und alle, die nicht einfach „Cappuccino“ bestellen, sondern Sonderwünsche in Auftrag geben: Was ruft der Signore da?  Nicht einfach „einen Cappuccino bitte", nicht einfach „einen Latte Macchiato". Nein, jeder hat seine Extrawünsche: „Einen Cappuccino mit wenig Schaum" ruft da eine Dame von links, „einen Cappuccino mit nicht zu heißer Milch" bestellt ein Herr, „einen Cappuccino in extraheißer Tasse" der nächste. Mir geht ein morgendliches Licht auf: Die Italiener haben neue Variationen erfunden, um sich von uns Deutschen zu unterscheiden, die wir neuerdings Latte Macchiato saufen wie Wasser und so tun, als wäre der Cappuccino ein altdeutsches Getränk – und das, obwohl wir erst vor ein paar Jahren von Melitta-Tüten auf Milchschäumer umgestiegen sind.

Nach dieser morgendlichen Erkenntnis gehe ich in die Arbeit. Oder trinke noch einen Cappuccino. Arbeit? Cappuccino? Arbeit? Arbeit? Cappuccino!

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