BELGRAD, Sonntag, der 12. April 2009
Danja Antonovic

Morgens auf dem Planeten Erde (11): Belgrad

Warm ist es in Belgrad geworden, ganz plötzlich. „Aus den Stiefeln direkt in die Badehose“, meckert gestern Mira, die Nachbarin. Klar, bei 27 Grad Lufttemperatur könnte man schwimmen gehen, wenn das Baden an der Save und Donau nicht verboten wäre. Das Wasser, 19 Grad, sei noch zu kalt – sagen die Stadtväter. Die kennen die Ostsee nicht, denke ich.

Nachts kommt der warme Wind durchs offene Fenster, am Kopfkissen breitet sich die dicke Mondscheibe aus. Heute früh schleicht sich die Sonne unter meine Wimpern. Vorsichtig ein Auge nach dem anderen aufmachen, feststellen, alles ist genauso wie gestern, endgültig räkeln, aufwachen.

Morgenrituale: Puschen an, runter auf die Straße, im Kiosk nebenan Zeitung kaufen, Zigaretten kaufen, die Weltkrise im Mikrokosmos Serbien („alles wird teurer“) mit den Mädels vom Kiosk bereden. Türkischen Kaffee kochen, Balkonblumen grüßen und wässern, Katzen grüßen und füttern, mich selbst wässern und seifen, Radio einschalten, Blechkiste einklicken. Kurz gucken was WELTREPORTER so in der Welt machen. Man weiß nie ob sie noch ruhig schlafen oder hundert Mails pro Stunde in die Welt schicken…  Einer aus Rio, Sydney oder Rom stellt eine Frage und plötzlich entwickelt sich eine ungeheure Maildynamik, die Gedanken wuseln im weltweiten Netz, umgarnen die Kontinente und du kannst nicht anders, du bist auch dabei und statt  Themenvorschläge zu schreiben und Geld zu verdienen, palaverst du per Tastatur mit den Gleichgesinnten.

Heute früh, alles ruhig. Die Welt da draußen ist in Ordnung. Endlich ein Morgen, der nichts von mir will.
Also, raus auf die Terrasse,Türkenkaffee in der Tasse, eine Lulle in der Hand, „POLITIKA“, die serbische SZ und FAZ in einem, vor der Nase, der Tag kann kommen. (À propos Zigaretten: Es soll demnächst zu einem milden Rauchverbot kommen. Das gefällt dem Volk nicht, Serben, die Weltmeister im Rauchen, sammeln seit gestern Unterschriften gegen das neue Gesetz, wahrscheinlich mit Erfolg.)

Meine Lieblingsrubrik in der „Politika“ heißt „Handy-News aus Belgrad“, die lese ich zuerst. Hier werden unredigierte Polizeimeldungen der letzten Nacht weitergegeben. Die BILD ist nichts dagegen, schon die Überschriften sind himmlisch: „Käse, Laptop und Schinken aus dem Laden gestohlen“, „Frau aus dem Bus gefallen“, „Betrunkener Schwiegervater misshandelt Hausbewohner und Hund“,  „Lüster aus dem Hochhaus auf den VW gefallen“. Die Texte lauten dann so: „Auf der Straße Pancevacki put haben sich zwei Nachbarn einen bösen Kampf geliefert. Einer von ihnen bekam einen Schlag auf den Kopf, und zwar mit der ausgerissenen Tür einer Scheune. Im Krankenhaus wurde eine Fraktur des Schädels festgestellt“. Oder: „In der Straße Cvijiceva hat eine Frau auf dem Herd türkischen Kaffee gekocht. Die Feuerwehrmänner haben die Tür aufgebrochen und das Feuer am Verbreiten gehindert“. Und das auch noch: „In der Resavska Straße ist durch Messerstiche eine Person verletzt worden. Gleichzeitig hat in derselben Straße ein betrunkener Ehemann seine Frau mit einem Stuhl am Kopf getroffen. Sie kam ins Krankenhaus“.

Nach dieser erbaulichen Lektüre wäre der Markt, dann der obligatorische Kneipenbesuch am Mittag dran, wo man Opa und Enkelkind, Schulfreund und Marktbauern trifft.  Aber da hat sich der Morgen schon längst verabschiedet.
Ach, ja, Ostersonntag heute!

Nicht so in Belgrad. Wir Orthodoxen sind in diesem Jahr erst am nächsten Sonntag dran. Diese Verschiebungen haben mit  den Neumonden und Vollmonden zu tun und mit den römischen Kalendern. Wie das genau läuft  ist mir noch immer ein Rätsel. Sicher ist aber, auch wir haben Ostern jedes Jahr, mal früher und mal später als die Deutschen.

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