JOGJAKARTA, Sonntag, der 5. April 2009
Christina Schott

Morgens auf dem Planeten Erde (4): Jogjakarta

Normalerweise reißt mich eine der drei Moscheen in unserer Umgebung aus dem Schlaf – heute drangen jedoch  schon am frühen Morgen sakrale Gesänge in meine Träume. Ein Nachbar war über Nacht gestorben, offensichtlich ein Katholik. Nicht viel funktioniert in Indonesien so reibungslos wie die Nachbarschaftshilfe in einem Todesfall, egal welcher Religion der Verstorbene angehörte: Jedes Viertel besitzt in der Regel ein größeres Zeltdach, Plastikstühle  und Geschirr. Alle Anwohner packen mit an – ob sie den Toten näher kannten oder nicht, ob sie ihn mochten oder nicht – und sitzen die Aufbahrungszeremonie bis zur Abfahrt zum Friedhof aus. Nicht zuletzt, weil es ja auf solch einer Veranstaltung immer auch ein Gratisessen gibt.

Heute Morgen versammelte sich die Nachbarschaft also direkt vor unserem Gartentor, selbsternannte Parkwächter  versuchten mit schrillen Pfeifen den Durchgangsverkehr durch die zugestellte Straße zu manövrieren. Irgendwann gingen die sakralen Gesänge unter den Pfiffen, dem Stimmengewirr des Menschenauflaufs und den  Mikrofonansagen des Pfarrers unter. Lärmempfindlich sind Indonesier nicht wirklich. Ich schon. Als sich dann auch  noch mein Internetanschluss verabschiedete, beschloss ich, meinen Arbeitsplatz heute ins Cafe zu verlegen. Nach  dem Pflichtkondolenzbesuch und der dazugehörigen Geldspende, versteht sich.

Die Rikschafahrt zu meinem Lieblingscafe ging schnell – Jogjakartas Straßen sind heute selbst für sonntägliche  Verhältnisse erstaunlich leer. In den vergangenen Wochen hatten sich an jeder größeren Kreuzung Motorradkonvois gestaut, die mit schwingenden Fahnen und rhythmischen Motorenheulen durch die Stadt zogen. Offener Wahlkampf heißt das hier: Am kommenden Donnerstag wählt die drittgrößte Demokratie der Welt ein neues Parlament. Oder besser: ganz viele Parlamente. Denn gleichzeitig mit dem Nationalparlament sollen die Regional- und  Provinzparlamente neu besetzt werden. Welcher der landesweit mehr als 500.000 Kandidaten von welcher der 38 Parteien für welches Parlament kandidiert und für welche Ideen steht, verstehen dabei nicht einmal ein Viertel der  Wähler, wie Umfragen zeigen.

Wahlkampf in Indonesien hat allerdings auch nicht viel mit politischen Programmen zu tun, sondern eher mit Karneval. Die Anhänger kleiden und schminken sich komplett in den Farben der jeweiligen  Partei – es erinnert immer ein bisschen an Fußballmeisterschaften. Gestern zum Beispiel war Blau angesagt, die Farbe der Demokratischen Partei des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono. 30.000 blau gewandete Menschen hatten sich auf den Platz vor dem Sultanspalast von Jogjakarta gedrängt, um der Ansprache ihres Präsidenten zu lauschen. Die Jubellaune vieler Anhänger dürfte allerdings eher durch Gratisessen und ein Konzert der Popband Ungu angeheizt worden sein.

Eigentlich ist heute der letzte Tag des offenen Wahlkampfs, aber offensichtlich haben die großen Parteien bereits ihr Pulver verschossen. Gestern musste ich noch mit großen Umwegen um die Innenstadt kurven, heute tuckert mir nur ein einzelner Truck einer kleinen Partei entgegen, zwei Mopeds folgen ihm. Ein deutlich kleinerer Konvoi als die Beerdigungsprozession, die sich gerade vor meinem Haus formiert. Als würde der Wahlkampf in Jogjakarta heutezu Grabe getragen. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die Wahlen: Pessimistische Umfragen befürchten, dass mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten in Indonesien gar nicht erst zu den Urnen gehen wird. Vielleicht würde es  helfen, wenn es an jedem Wahllokal ein Gratisessen gebe.

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