WIEN, Freitag, der 10. April 2009
Hilja Müller

Morgens auf dem Planeten Erde (9): Manila

Der Blick aus dem Fenster enttäuscht nicht. Die Luft ist rein, und das im Wortsinne. In der Ferne kann ich die Hafenkräne an der Manila Bay erkennen. An normalen Tagen saugt sich fetter, grauer Smog in der Stadt fest und verhindert jeden Durchblick. Aber heute ist ein besonderer Tag. Good Friday heißt er hier und ein guter (Kar-)Freitag soll es werden. Bereits gestern haben wir die Reifen unserer eingestaubten Räder aufgepumpt, Helme gesucht und Gelenkschützer zum Inlineskaten bereitgelegt.

Kurz vor sieben Uhr stehen wir auf der Straße. Es ist ruhig, himmlisch ruhig. Statt kakophonischem Autolärm hören wir nur die Gockel aus der Nachbarschaft. Großstadtidylle am Good Friday. Es ist der einzige Tag im Jahr, wo Ruhe herrscht im Molloch Manila. Denn Gründonnerstag und Karfreitag sind auf den erzkatholischen Philippinen so heilig, dass selbst die ansonsten sogar an Weihnachten geöffneten Shopping Malls geschlossen sind. Millionen haben sich daher am Mittwoch in endlosen Staus aus der Stadt gequält, um Ostern mit der Familie im Grünen zu feiern. Die Folge: Nahezu autofreie Straßen in der Mega-Metropole und Luft ohne Bleigeschmack.

Meine Kinder können die ungewohnte Freiheit kaum fassen. Wo sonst hupende Autokonvois den Ton angeben, fahren sie unbeschwert in Schlangenlinien dahin. Meine Jüngste versucht x-beinig ihre Inliner auf Kurs zu halten. Dass sie dabei über die große Kreuzung vor unserer Wohnanlage schwankt, juckt mich nicht. Unser Viertel gehört heute früh unmotorisierten Sportlern. Die Stimmung ist bestens, alle grüßen sich locker.

Nur die sommerliche Hitze bremst uns allmählich runter. Es ist Sommer auf den Philippinen, das heißt Schmoren bei 35 und mehr Grad im Schatten. Unter den Fahrradhelmen wird’s da doch arg heiß. Doch bevor das Kindergenöhle losgehen kann, rettet mich völlig unerwartet eine amerikanische Coffeeshop-Kette, die sich um den Good Friday nicht zu scheren scheint. Nach sieben Jahren gibt’s das Frühstück am Karfreitag erstmals außer Haus. Drinnen kühlt die Klimaanlage, zischt die Espressomaschine. Perfekt.

Kein Termin steht heute an, im Kalender steht groß FAULENZEN. Voller Mitgefühl denke ich an einen Kollegen, der sich heute den Trip nach San Fernando antut. In der nördlich von Manila gelegenen Stadt spielen sich am Karfreitag blutige Szenen ab. Flagellanten peitschen sich inbrünstig auf offener Straße. Fanatische Gläubige lassen sich trotz Missbilligung der Kirche ans Kreuz nageln. Zehntausende verfolgen die grausige Inszenierung in einem Zustand zwischen religiöser Ekstase und Gänsehaut-Gruseln.

Da lob’ ich mir doch den friedlichen Mikrokosmos in unserem Coffeeshop. Nur ein paar Westler, Japaner und Inder sitzen um die runden Tische. Die katholischen Filipinos halten sich offenbar an das Fastengebot. Ich hole mir noch einen Espresso, leg’ die Beine hoch und lass’ die Seele baumeln. Draußen radelt meine Tochter mit breitem Grinsen gegen die Einbahnstraße. Na und? Es ist doch Good Friday. Ein richtig guter Freitag in Manila.

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