BERLIN, Dienstag, der 16. März 2010
Ruth Kinet

Nahkampfzone H&M

 

Um sechs Uhr morgens brachten sich die Ersten in Stellung. Sie wollten ganz vorne dabei sein, wenn sich fünf Stunden später, an diesem historischen 11. März 2010, die Tore zum Tempel des schwedischen Billig-Chics öffnen würden, die Tore zum ersten H&M Flagship Store Israels. 2.000 Quadratmeter Europa, mitten in Tel Aviv, im dritten Stock des Azrieli Centers. 

Es ging nicht gerade vornehm zu an diesem 11. März im Azrieli Center. Die mitteleuropäischen Umgangsformen, die in Israel ohnehin eine prekäre Existenz fristen, wurden endgültig verabschiedet. Vor den Kleiderständern wurde geschubst, gestoßen, geboxt. An der Hauptkasse gab es mehrmals Tumult, es gab Wortgefechte und Handgemenge, Ohnmachten und Anfälle von Schwäche. Die israelischen Reporter beschrieben die H&M-Eröffnung als ein kriegerisches Ereignis, sie schrieben und sprachen von „Bombardement“, „Schlachtfeld“ und „Front“. Ihre Berichte über das kommerzielle Großereignis füllten am darauf folgenden Tag die Titelseiten der Zeitungen. Sogar Karl-Johan Persson, der CEO von H&M, der sich eigentlich hätte freuen müssen über die Kundenmassen am Eröffnungstag, war geschockt von dem Bild, das sich ihm bot. Er rief die israelischen Manager des Flagship Stores zu einer Dringlichkeits-Sitzung zusammen und fragte selbstkritisch, ob die PR-Kampagne im Vorfeld der Eröffnung vielleicht zu aggressiv gewesen sei. Über Wochen hatte H&M mit großflächigen Plakaten den Countdown bis zur Eröffnung zelebriert.

Während das israelische Innenministerium den Bau von 1600 neuen Wohneinheiten im Osten Jerusalems ankündigt und die israelisch-amerikanischen Beziehungen deshalb in eine ernste Krise geraten, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ständig neue Bäume in jüdischen Siedlungen pflanzt, die israelische Regierung die Gräber Rahels und der Erzväter in Bethlehem und Hebron zu israelischem Nationalerbe erklärt und damit Unruhen in den Palästinensergebieten und Ost-Jerusalem provoziert, während Israels Regierung also weiter auf Konfrontations- und Isolationskurs fährt, blühen in der Bevölkerung Hedonismus und Konsumfreude. Die ganz normalen Israelis wollen nicht abgeschnitten sein von Europa und der Welt. Sie wollen H&M, GAP und Ikea. Das hat dieser 11. März 2010 gezeigt. Das Ergebnis des ersten Verkaufstags von H&M in Israel in Zahlen: 15.000 Kunden und 3 Millionen Schekel Umsatz, das sind knapp 600.000 Euro. 

(Foto: Titelseite der meist verkauften Tageszeitung Israels, Jedioth Achronoth, vom 12.3.2010; der Bericht über die H&M-Eröffnung findet sich auf der linken Seite in dem Kasten mit blauer Umrandung.) 

 

Kommentare (1) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE
Bücher von Ruth Kinet