BUENOS AIRES, Sonntag, der 26. Februar 2012
Karen Naundorf

Neue Deutsche Welle

Die Deutsche Welle strukturiert ihr Programm neu. Für Lateinamerika heißt das: 20 Stunden statt zwei auf spanisch am Tag.

5 Uhr 30, Caracas, der Blick aus dem 11. Stock zeigt das Häusermeer der venezolanischen Hauptstadt, irgendwo da unten kräht ein Hahn. Kühle Luft weht durch das vergitterte Fenster, aber natürlich kein Vergleich zu Europa. Im Fernsehen berichtet die Deutsche Welle (DW) von den Kältetoten. Auf Spanisch. Und das ist eine kleine Revolution, denn der Auslandssender, der Informationen aus Deutschland in die Welt schickt, orientiert sich neu.

Es ist eine Richtungsentscheidung. Auslandsdeutsche und Deutschlernende sind nicht mehr Zielpublikum, jetzt sind die Latinos dran. Bisher war die DW für sie ein Spartensender. Zwei Stunden spanischsprachiges Programm am Tag – wohl kein Lateinamerikaner stellte sich den Wecker, um die nicht zu verpassen. Nun greift der Sender an: Er steht mit seinem neuen Programm in Konkurrenz zu CNN en Español und auch zu vielen lateinamerikanischen Fernsehsendern. Deren Nachrichten sind oft so oberflächlich, effekthascherisch oder auch tendenziös, dass eine renovierte Deutsche Welle durchaus Chancen hat, sich positiv abzusetzen. Denn die News der DW sind angenehm klassisch aufgebaut, ohne wilde Schwenks, wirken seriös – in Deutschland wären sie Standardprogramm. Doch, damit mehr Latinos einschalten, muss der Sender zunächst Vorurteile bekämpfen.

„Deutsche Welle, ist das nicht der Propagandasender von der Merkel?“ Diese Frage beschreibt das bisherige Image der DW in Lateinamerika recht gut. Warum sollten sich die Latinos für einen Sender interessieren, dem es bisher in erster Linie wohl darum ging, Deutschland, seine Bewohner, seine Unternehmen in ein gutes Licht zu rücken? Nehmen wir die Woche vor der Programmreform am 6. Februar. Es war selbst für wohlwollende Zuschauer unfassbar langweilig, sich eine Dokumentation über ein Fünfsternehotel in Garmisch-Partenkirchen anzusehen, in dem die größte Sorge des Managements zu sein scheint, dass von den Servicedamen ein Staubkörnchen übersehen werden könnte.

Seit Anfang Februar ist fast alles anders. In den vergangenen Monaten hat die Deutsche Welle fast 100 Mitarbeiter für die spanischsprachige Redaktion angeworben, viele aus Lateinamerika. Vielleicht müssen sich einige Moderatoren noch ein bisschen eingrooven und lockerer werden. Doch zur Programmreform in Lateinamerika vor dem Fernseher saß, sah viel Interessantes im DW-Programm: das Beste aus der Bundesliga, wie Hightech Blinde wieder sehen lässt, Musikvideos. Und natürlich die Nachrichten, stündlich, in unterschiedlicher Länge – drei, 15, 28 Minuten.

Aber, allem voran sahen die Zuschauer viele schöne Frauen aus Lateinamerika. Die neuen Moderatorinnen und Anchor-Damen sind ungewöhnlich hübsch. Und auch deshalb in ihren Heimatländern beliebt oder sogar berühmt. Linda Guerrero etwa: In Kolumbien verabschiedete sich die Moderatorin, die bei der DW nun die Nachrichtensektion der Sendung „Euromaxx“ präsentiert, mit sanft-kitschigen Nacktfotos von ihren Fans, gedruckt in der Zeitschrift Soho mit dem Begleittext: „Jetzt ist es an Ihnen, lieber Leser, Ihre Träume in die gefühlvollen Bilder dieser spektakulären Frau zu projizieren. Auch wenn sie wohl nur schwer in Erfüllung gehen werden, denn sie ist verlobt und heiratet nächstes Jahr. Doch – egal. Entspannen Sie sich und genießen Sie.“ Bei der Deutschen Welle zu arbeiten, sei für sie wie für einen Fußballer, bei Real Madrid zu spielen, sagte die schöne Kolumbianerin der gleichen Zeitschrift.

Die vielleicht am besten gelungenen Sendungen des ersten Tages waren Todo Gol, die Fussballsendung, und Kultur.21: Optisch ansprechend umgesetzt, mit Lateinamerika-Bezug. Die venezolanische transsexuelle Sängerin Aerea Negrot war ein Porträt wert, ihre Berlin-Lobeshymne klang zwar fast schon einen Tick zu werblich, doch es ging ans Herz. Eine Venezolanerin, die sich erst in Deutschland wirklich als Venezolanerin fühlen kann, weil sie in der Heimat nicht anerkannt wird. Auch in der Sportsendung ging es um Venezuela: Tomás Rincón, Mittelfeldspieler beim HSV, beschrieb, wie er anfangs in Deutschland Strafzettel sammelte. Oder wie er sich an den schnelleren Fußball gewöhnen konnte. Solche Stücke sind wichtig, um die Zuschauer zu interessieren, denn für die meisten Latinos ist Deutschland vor allem eins: Weit, weit weg. Natürlich braucht man davon nicht 20 Stunden am Tag, das wäre auch gar nicht machbar, so viele Anknüpfungspunkte gibt es nun auch wieder nicht – aber es ist der richtige Weg.

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