MüNCHEN, Mittwoch, der 30. November 2011
Christine Mattauch

New York, die Promi-Stadt

Als Wirtschaftsjournalistin komme ich eher selten mit der Kunstszene in Berührung. Gestern abend jedoch war ich zu einer Party eingeladen, auf der Christo erscheinen sollte. Der Christo? Genau der.

Angeblich passiert es einem in New York ja alle naselang, dass man Prominenten begegnet. Vor einigen Monaten saß ich in Berlin in einem Taxi zum Flughafen, und der Taxifahrer war sehr beeindruckt, als er mitbekam, dass ich in New York lebe. „Und – wie viele Stars haben Sie schon gesehen?“ fragte er gespannt. Ich war verdutzt. „Also – eigentlich keinen“, sagte ich. Er konnte es nicht fassen. „Keinen? Keinen?“ Seine Enttäuschung tat mir weh. Es war so schön gewesen, ein wenig bewundert zu werden. Fieberhaft dachte ich nach. Und tatsächlich, es fiel mir jemand ein, der in Deutschland zumindest als Halbpromi durchgeht. Glaubte ich. „Herrn Ackermann und seiner Frau bin ich mal in der Vorweihnachtszeit beim Einkaufsbummel begegnet“, sagte ich triumphierend. Im Rückspiegel sah ich die ratlosen Augen des Fahrers. „Ackermann? Wer ist das?“ Geknickt murmelte ich etwas von der Deutschen Bank. Der Fahrer sagte nichts mehr.

Seit dieser Episode denke ich manchmal darüber nach, was ich anders machen müsste, um gelegentlich Woody Allen oder Robert de Niro zu treffen. Das erste wäre wohl, häufiger nach Manhattan zu fahren, „in die Stadt“, wie wir Brooklyner sagen. Ich müsste in Lokale gehen, die ich mir nicht leisten kann, gekleidet in teure Designerklamotten, die ich nicht besitze. Das wichtigste aber wäre, die Stars überhaupt zu erkennen. Und da würde ich wahrscheinlich kläglich versagen, da ich wenig fernsehe und„People“ höchstens mal beim Friseur zur Hand nehme.

Auch an Christo würde ich in einem Lokal möglicherweise vorbei laufen. Gestern abend aber war ich vorgewarnt, außerdem war der Künstler ständig von einer Traube Bewunderer umgeben, die sich gegenseitig zusammen mit dem Promi fotografierten. Christo, unauffällig gekleidet in dunkelblauer Jeans und schwarzem Blazer, ließ sich geduldig ablichten. Ich fand das peinlich und ging nicht in die Nähe. Obwohl eine ganz kleine Stimme in mir quengelte, dass sie auch gern so ein Foto haben würde.

„Silencium!“, rief der Gastgeber. Christo müsse gleich wieder fort, wolle aber zuvor noch sein neues Projekt vorstellen. Christo sagte als erstes, wie schade es sei, dass seine vor zwei Jahren gestorbene Frau Jeanne Claude diesen Augenblick nicht erleben könne. Sie habe maßgeblichen Anteil an der Idee, den Arkansas River in Colorado auf einer Strecke von 42 Meilen mit Stoffbahnen zu überspannen. Seit 1992 hatten die beiden für das Projekt gekämpft – in diesem November wurde es von den Behörden genehmigt. Mehr als 9000 Haken zur Befestigung der Stoffbahnen müssen eingeschlagen werden, bevor das 50-Millionen-Projekt 2014 eröffnet wird. Lange Wartezeiten und Widerstand ist der 76jährige freilich gewohnt. Er erzählte, dass er den Reichstag nur habe verpacken dürfen, weil sich die seinerzeit populäre Rita Süssmuth in einem Machtpoker mit Helmut Kohl durchgesetzt habe. Und die Installation von 7500 orangefarbenen Toren im New Yorker Central Park hätten nacheinander drei Bürgermeister abgelehnt, bevor Michael Bloomberg sie 2005 endlich erlaubte.

Dann wollte sich der Künstler verabschieden, was aber nicht ging, da er bereits wieder umlagert war. Blitzlichtgewitter. Ich stand da gerade neben einem Börsenkorrespondenten vom Deutschen Anleger Fernsehen, der wie ich den Trubel beobachtete. Ich erzählte ihm, dass ich noch nicht einmal daran gedacht hatte, eine Kamera mitzunehmen. Er hatte natürlich eine dabei – Fernsehleute wissen, wie wichtig Bilder sind. „Geh hin zu Christo, ich mach ein Foto von euch“, sagte er. Ich wollte erst nicht – da löste sich Christo aus der Umklammerung seiner Fans und ging einen Schritt in meine Richtung. Das Ergebnis haben Sie bereits gesehen.

Und so kann ich nächstes Mal, wenn sich ein deutscher Taxifahrer für meine Prominentenbekanntschaften interessiert, damit angeben, dass ich Christo die Hand geschüttelt habe. „Der Künstler, der mal den Reichstag verpackt hat, Sie wissen schon.“ Und wenn er es nicht glaubt, dann sage ich: „Bitte lesen Sie meinen Weltreporter-Blog vom 30. November 2011!“

Foto: Manuel Koch

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