CHRISTCHURCH, Sonntag, der 25. Juli 2010
Anke Richter

Ode an die Flugzeugkost

Das Leben in den Antipoden bringt viel Schönes mit sich, zum Beispiel Hokey-Pokey-Eis mit Karamellstücken und staatlich sanktioniertes wildes Zelten am Strand, aber auch einiges Schreckliches: Flugreisen zum Beispiel. Wann immer man die Grenzen Aotearoas verlässt und keine Bootsfahrt plant, sitzt man unweigerlich in der Luft. Und das nicht zu knapp. 25 Stunden sind es gut und gerne bis Europa, aber gefühlte 50. Das sind, auch für jemanden ohne jede Flugangst, zwanzig Stunden zu viel.

Meine Kinder klingen wie verzogene Jetset-Gören, wenn sie mit ihren Freunden darüber fachsimpeln, ob man auf dem Weg nach Frankfurt besser in Singapur umsteigt, weil man da kurz im Terminal C schwimmen gehen kann, oder in Hongkong, wo es drei Stunden lang Playstation satt gibt. Dubai? Geschenkt. Los Angeles geht gar nicht, da sind wir uns alle einig. Die Sicherheitskontrollen dort kommen einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung immer näher. Mir reicht die Mammographie einmal im Jahr.

Wie tief das Rund-um-die-Uhr-Eingesperrtsein in Körper und Seele eingreift, zeigt sich am deutlichsten an der Reaktion des Passagiers auf Flugzeugkost. Unter normalen Umständen würde er die in der Economy Class kredenzte Nahrung amüsiert bis misstrauisch betrachten, wenn nicht gar verweigern. Ein Häufchen pseudoethnischer Pamp aus der Mikrowelle, ein viel zu kalter Mini-Salat, das obligatorische Pappbrötchen, abgepackter Gummikäse und ein wabbeliges Törtchen für den kariösen Zahn – welch ein kulinarisches Sammelsurium!

Seltsamerweise ist es aber auf diesen Langstreckenflügen so, dass die Mahlzeiten das einzige Highlight in all der sauerstoffarmen, zähen Trostlosigkeit sind. Das sagt doch alles über die Foltermethoden der Fluggesellschaften. Schreckliches wird erträglich, Halbsoschreckliches wunderbar – verzerrte Wahrnehmung durch rasante Abstumpfung. Nach zwei Bordfilmen und einer Nacht im Sitzen, wenn sich die erste Thrombose anbahnt, klingt nichts so herrlich wie das leise Scheppern des Essen- und Getränkewagens, der im Gang immer näher rollt Und dieser Duft! Neidisch schaue ich auf die zwei Rucksacktouristinnen, die vorab „vegetarisch“ bestellt haben und jetzt vor allen anderen bedient werden. Und immer, immer bin ich mir sicher, das Falsche gewählt zu haben. Rind mit Gemüse oder Huhn asiatisch – es ist und bleibt die einzig wichtige Entscheidung der nächsten 24 Stunden. Wann habe ich jemals mit so viel Wonne ein Päckchen Butter aufgepult? Die gute Neuseeland-Butter, ach! Im Gefängnis muss es ähnlich sein. Man erfreut sich an den kleinen, vertrauten Dingen.

Wenn der Schmerz nachlässt, wird das Trauma mit Hilfe von www.airlinemeals.net verarbeitet. Betroffenen rate ich, sich auf der Webseite die Plastiktablett-Variationen osteuropäischer Fluglinien anzuschauen.  Ein Passagier auf dem Air-Via-Flug von Bulgarien stellte fest, dass seine Henkersmahlzeit deutlich besser aussah als der Zustand der Tupelew, in der er saß. Über den Wolken, da muss der Hunger wohl grenzenlos sein.

 

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE