WIEN, Montag, der 29. November 2010
Hilja Müller

Oh Tannenbaum…

Um es gleich vorwegzunehmen: diese Geschichte wird keinen brisanten Inhalt haben. Sie dreht sich um etwas Banales – um unseren Weihnachtsbaum. Da wir erstmals seit Jahren Weihnachten zu Hause feiern werden, muss natürlich auch ein Christbaum her. Nur: ein solcher ist im Land der Bonsais eigentlich nicht erschwinglich.

Selbst ein spindeldürres Bäumchen ist in Tokio nicht unter 80 Euro zu haben. Stattliche Christbäume gibt’s zwischen 100 und 500 Euro. Mit einer Ausnahme: IKEA bietet japanische Nadelbäume zu europäischen Preisen an. Solange der Vorrat reicht. Und das ist nicht lange, nach zwei Tagen sind sie alle weg.

Am 17. November war es soweit, auf ihrer Internetseite warben die Schweden mit einem Sonderverkauf für 20 Euro pro Stück. Eigentlich viel zu früh, mehr als fünf Wochen vor Heilig Abend. Gemeinsam mit einigen Dutzend Japanern – die Weihnachten ja eigentlich gar nicht feiern – stand ich auf einem mächtig zugigen Platz vor dem blau-gelben Möbelhaus und fahndete nach dem perfekten Exemplar. Eine halbe Stunde später schob ich mit triumphierendem Blick den in Zeitungspapier gewickelten und gut verschnürten Weihnachtsbaum zum Lieferservice. Doch die zeigten keine Gnade mit autolosen Kunden: Pflanzen grundsätzlich nicht, sorry.

Und so kam es, dass ich Mitte November mit einem Weihnachtsbaum über der Schulter die einstündige Bahnfahrt nach Hause machte. Da entgleisten doch so manchem Japaner die sonst unbeweglichen Gesichtszüge und pubertierende Schülerinnen versuchten erst gar nicht, ihr Kichern zu verbergen. Prekär wurde die Situation beim Umsteigen, als sich die Spitze meines stacheligen Gefährten in den langen Haaren einer Japanerin verfing.

Das letzte Stück des Weges legte der Baum dann liegend auf meinem alten Fahrrad zurück, dass ich fluchend und schwitzend durch die vollen Straßen unseres Wohnviertels schob.

Jetzt steht der grüne Kamerad im Garten zwischen Bambus und japanischem Ahorn. Er genießt ein Fußbad und ich dusche ihn jeden Tag mit dem Gartenschlauch und rede ihm gut zu, nur ja durchzuhalten. Bis zu seinem großen Auftritt sind es immerhin noch einige Wochen.

Von meiner Schwägerin kam inzwischen eine ermutigende email: „Wenn die Nadeln bis Heilig Abend braun sind, sprühst du den Baum einfach mit Goldspray an.“

 

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