PRAG, Mittwoch, der 17. Februar 2010
Kilian Kirchgeßner

Paramilitärische Schuldeneintreiber

Das Material war schier unglaublich, das den Kollegen von der größten tschechischen Zeitung Mlada Fronta Dnes zugespielt wurde – so heiß waren die Infos, dass daraus ein Skandal entstand, der Politik und Wirtschaft gleichermaßen erschütterte: Videos waren es, die Männer beim paramilitärischen Training zeigten, mit Pistolen schießend, sich von einer Brücke abseilend, im Kampf gegen aggressive Hunde. Auch im Bild war ihre Uniform, abwechselnd ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Kampfweste, auf beiden prangt groß der Schriftzug „NTZ“.

Was die Zeitung enthüllte: Die Männer sind Stromableser beim größten tschechischen Energiekonzern CEZ. Seit Jahren hält sich der Konzern eine Sondereinheit, die mit regelrechten Rollkommandos allen auf die Pelle rückt, die angeblich ihre Stromrechnung nicht zahlen oder unter Verdacht stehen, illegal Strom abzuzapfen.

NTZ – Netechnické Ztraty heißt dieses Kürzel der Stromableser-Kampfeinheit, Nichttechnische Verluste. Die Journalisten von Mlada Fronta Dnes recherchierten auch einige Opfer des Sonderkommandos: Harmlose Familien zumeist, die in Einfamilienhäusern wohnen und plötzlich von sechs schwer bewaffneten Stromablesern heimgesucht wurden. Und es kursiert ein Video, auf dem ein Opfer der Stromableser vor laufender Kamera Selbstmord begeht.

Ohne die journalistische Enthüllungsarbeit wäre die Existenz dieser Einheit vermutlich nie ans Licht gekommen. Inzwischen hat sich selbst die Politik von den Praktiken des halbstaatlichen Stromkonzerns distanziert. Typisch war aber auch die erste Reaktion des zuständigen Ministers, als er die Videos vom paramilitärischen Training des Kommandos gesehen hat: Was sei denn daran Besonderes, wollte er wissen, das sei doch schließlich ein ganz normales Teambuilding.

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