PEKING, Freitag, der 18. September 2009
Ruth Kirchner

Partystimmung

Am 1. Oktober feiert die Volksrepublik bekanntermaßen den 60. Jahrestag ihrer Gründung und schon  seit Monaten sind die Behörden so nervös wie vor über einem Jahr vor Olympia. Man sorgt sich ums Image und die Sicherheit. Warum eigentlich? Der Propaganda zufolge  ist doch alles gut im Riesenreich. Fortschritt und Harmonie aller Orten.

Und hübscher wird die Stadt auch: Bei uns in der Straße hängen seit ein paar Tagen rote Lampions an jedem Laternenmast. Überall werden Blumen gepflanzt. Überall stehen jetzt auch wieder „Freiwillige“ mit roten Armbinden rum – und wachen über unsere Sicherheit.

Seit Wochen schon hagelt es Einladungen des Staatsrates zu Pressekonferenzen: Diese Woche ging es um „Themen zu Chinas kultureller Entwicklung in den 60 Jahren seit der Gründung der Volksrepublik“. Ausserdem: „Erfolge von Chinas wisssenschaftlicher und technologischer Entwicklung in den letzten 60 Jahren“.

Staatsratspressekonferenzen sind ermüdend. Meist liest ein Vizeminister eine lange Erklärung mit vielen Zahlen ab. Das Wort „Fünfjahresplan“ kommt häufig vor. Dann dürfen Fragen gestellt werden. Aber was nützt das, wenn die Antworten, nun ja, keine wirklichen Antworten sind.

Aber es gibt ja noch andere Dinge zu berichten ausser den offiziellen Verlautbarungen.  Vor dem Petitionsbüro in der Nähe des Südbahnhofs drängen sich jeden Morgen hunderte von Menschen, die hier Eingaben machen wollen. Meist geht es um Korruption in ihren Heimatgemeinden, um Machtmissbrauch und Behördenwillkür.

Doch zum 60. Jahrestag will man die Petitionäre nicht in der Stadt haben. Und schon gar nicht soll man über sie berichten oder am Eingang Fotos machen. Journalisten werden sofort aufgefordert, „zur eigenen Sicherheit“ doch bitte mal mitzukommen. Man sitzt dann ewig in einem schäbigen Büro rum. Die Sicherheitsleute nehmen die Personalien auf, studieren minutenlang den Presseausweis und telefonieren stundenlang mit ihren Vorgesetzten. Zur „eigenen Sicherheit“ muss man dann die Örtlichkeit umgehend verlassen. 

Vielleicht Schulen und Unis? Aber Professoren, die man zum Geschichtsbild Chinas befragen will, sagen lange vereinbarte Termine plötzlich wieder ab. Sie seien eigentlich gar keine Fachleute, so die lahme Erklärung. Schulen, in den für die 60-Jahr Feiern geprobt wird, darf man auch nicht besuchen. Man solle doch lieber nach dem 1. Oktober wiederkommen, heißt es.

Nicht mal über die offiziellen Vorbereitungen darf man berichten. Wenn für die große Militärparade geprobt wird, an der 200,000 Menschen teilnehmen, ist die gesamte Umgebung weiträumig abgesperrt. Am heutigen Freitag ist Generalprobe, viele Schule müssen daher früher schließen, unzählige Straßen sind gesperrt.

Auch die Hotels  in der Nähe des Tiananmen Platzes sind bereits ausgebucht – alle Zimmer mit Blick auf die Chang’an Avenue und den Platz sollen von chinesischen Sicherheitsbehörden reserviert worden sein. Wer eine Wohnung an der Chang’an hat, soll nicht mehr auf den Balkon gehen. Besuch empfangen geht auch nicht mehr. So ist das halt in China im 60. Jahr seit der Gründung der Volksrepublik. Die Kommunistische Partei feiert ’ne Party, aber keiner darf hin.

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