BERLIN, Sonntag, der 15. November 2009
Ruth Kinet

Pferde empfinden auch Schmerz

Die Tel Aviver Kinder lieben ihn: Den Trödler und sein Pferd. Andächtig bleiben sie stehen, wenn das klapprige, mit ausgemusterten Kühlschränken und den Eingeweiden ausrangierter Fernseher beladene Gespann durch die morgendlichen Straßen der Stadt klappert. „Alti Sachien!“, ruft der Araber aus Jaffa in sein Megaphon. Breitbeinig und stoisch geradeaus blickend sitzt er auf dem Kutschbock seines baufälligen Holzkarren. Jeden Tag aufs Neue durchkämmt er mit seinem matten Gaul die ruhigeren Nebenstraßen der Tel Aviver Innenstadt. Die Schrott-Sammler mit ihren Pferdewagen gehören schon seit Ende der 1920er Jahre zum Tel Aviver Stadtbild. „Alte Sachen, alte Schich“, riefen sie damals.

Eine Tierschützerbewegung wollte diesem Zauber nun ein Ende machen. Zehn Jahre lang hat die Organisation „Hakol Chai“, zu deutsch „Alles lebt“, dafür gekämpft, die Pferdekarren in Tel Aviv und im Rest des Landes zu verbieten. Sie haben demonstriert, mit Sitzblockaden den Zugang zum Rathaus versperrt und Flyer mit Fotos von gequälten und halb verhungerten Pferden verteilt. Vor ein paar Tagen dann hat der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai, dem Druck der Tierschützer nachgegeben. Pferdewagen sind jetzt in Tel Avivs Straßen verboten.

Eine erstaunliche Entscheidung. Immerhin verfolgt die Knesset einen entgegen gesetzten Kurs. In einer Aussprache Ende Oktober haben die israelischen Volksvertreter erst befunden, Tiere hätten keine Rechte. Schließlich definiere sie das israelische Recht nicht als „Rechtspersonen mit Rechtsanspruch“.

„Pferde empfinden auch Schmerz“ überschrieb daraufhin ein empörter Redakteur der Tageszeitung „Haaretz“ seinen Kommentar zum Thema: „Nur zur Information der Regierung: Tiere haben Gefühle. Sie sind glücklich und traurig, genau wie Menschen“, fauchte Amiram Cohen.

Da sehen wir’s mal wieder: Tel Aviv ist dem Rest des Landes eben immer eine Nasenlänge voraus. Zumindest auf dem Papier.

Heute morgen erst, als ich beim Espresso saß, drang der vertraute Ruf „Alti Sachien“ an mein Ohr. Unterlegt vom Geklapper der Pferdehufe.

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