MüNCHEN, Sonntag, der 21. März 2010
Martin Zöller

Pimp my Cappuccino – über die römische Kunst, Kaffee zu einem Kunstwerk zu machen

Früher konnte man in Deutschland Cappuccino trinken und sich dabei richtig italienisch fühlen: Man gehörte zur aufgeklärten Minderheit während der Rest des Landes, vor allem die Nachbarn und Kollegen, noch in der Höhle saßen und die Kaffeesahnefettaugen aus dem Filterkaffee fischten. Selbst als das Volk nachziehen wollte, war man noch meilenweit voraus: Gut, da stand dann mittlerweile vielleicht „Cappuccino“ auf der Speisekarte, aber was dann am Nachbartisch serviert wurde, war braune Brühe mit Schlagsahne. Man wusste nicht, ob man höhnisch lachen oder weinen sollte.

Jetzt ist alles anders! Vorbei! Längst schlürft man Cappuccino in jeder Finanzamtkantine und in jeder Kneipe nach dem „Strammen Max”. Das Italien-Gefühl ist dabei so groß wie beim Urlaub im Harz. Jeder der einen Pappbecher unter eine tosende Maschine halten kann, geriert sich als echt italienischer „Barista“, jeder der eine Tasse halten kann als Italiano. Es gibt keine Elite mehr, alle saufen becherweise so einwandfreien wie langweiligen Cappuccino. Doch Rettung kommt aus Rom.

Denn man muss einfach neue Tricks lernen, um sich zu unterscheiden von den anderen, und man findet sie hier: In jeder römischen Kaffeebar. Denn hier stehen keine Legehennen, die stumm ihren konformen Cappuccino erwarten, hier stehen mündige, phantasievolle Genießer. Die Römer rufen nicht einfach  „un Cappuccino, per favore!“ Nein, sie machen ihren Kaffee zum „ganz persönlichen Cappuccino“. Jetzt zum Beispiel, in der schönen Bar „Latteria“ im Borgo beim Petersdom: „Einen Cappuccino ohne Schaum” ruft da eine Dame,  „einen Cappuccino mit lauwarmer Milch” eine andere, ein Sonderwunsch jagt den anderen. Neudeutsch würde man sagen, die Leute „pimpen“ ihren Cappuccino, sie frisieren ihn wie einen Opel Manta: Das Auto macht man zum Unikat mit Fuchsschwanz, Sportlenkrad und aufgeklebten Feuerzungen, den Kaffee macht man einmalig, indem man ihn sich besonders heiß, kalt, lauwarm, stark, schwach, geschäumt oder flach bestellt. Natürlich machen das die Römer, weil ihnen eben genau so ihr Kaffee am besten schmeckt; aber sie haben diese Unterkategorien vor allem erfunden, um sich von uns Barbaren zu unterscheiden, die wir noch kürzlich Filtertüten auf den Kompost trugen und jetzt so tun, als hätte schon Bismarck beim Milchschäumen brilliert.

Natürlich habe ich diesen Tick der Römer, ihren Cappuccino von einem Getränk in ein Schmuckstück zu verwandeln, in völlig übertriebener Weise übernommen. Denn ich möchte hier wahnsinnig römisch wirken, um mich von all den verplanten Familien, verliebten Pärchen und verzückten Pilgern aus der Heimat zu unterscheiden, die meine Stadt besuchen. Gerade wenn Deutsche neben mir stehen, mach ichs besonders kompliziert. Die sagen schüchtern: „Un cappuccino per favore“. Und ich sag ganz locker:  „Un Cappuccino lungo senza schiuma con latte tiepida in tazza bollente”. Einen „verlängerten Cappuccino mit lauwarmer Milch aber ohne Schaum in heißer Tasse“. Das ist vielleicht übertrieben. Aber nur so kann man heute noch zeigen, dass man Profi ist.

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