NEU-DELHI, Samstag, der 21. Oktober 2006
Britta Petersen

Präventivschlag

In Delhi grassiert derzeit das Dengue Fieber, eine Tropenkrankheit, die von Mücken übertragen wird und mit heftigen Gliederschmerzen einhergeht. 1731 Fälle wurden bereits gemeldet, 40 Menschen starben in den letzten Wochen daran.

Grund genug also für die Regierung, zu exorzismusartigen Vorsorgemaßnahmen zu greifen. Gestern wurden sämtliche Häuser in meiner Nachbarschaft ausgeräuchert. Das geht so: Ein Team von Ausräucherern kommt mit einem Gerät, das einem Staubsauger gleicht, aber die umgekehrte Wirkung hat. Unter höllischem Lärm stößt es Schwaden von dichtem Qualm aus. Keine Ahnung, welche chemischen Substanzen der Rauch enthält, aber er soll den Mücken den Garaus machen.

Ehe ich mich über etwaige ökologische Folgen informieren konnte, standen die Männer vom Gesundheitsamt in meiner Wohnung und gingen ans Werk. Sie begannen in den hintersten Räumen und qualmten rückwärtsgehend jeden Raum voll, wobei sie nach getaner Arbeit die Türen verschlossen und mir bedeuteten, dass diese nun für 15 Minuten nicht mehr geöffnet werden dürften.

Ziemlich überrumpelt beging ich einen strategischen Fehler: Ich folgte den Männern in den Hausflur. Ehe ich mich versah, waren sie die Treppe hinunter und begannen nun vom Hauseingang aus, diesen auszuräuchern, was mich daran hinderte, das Haus zu verlassen. Meine heftigen Proteste konnten sie wegen des Getöses ihrer Maschine nicht hören. Ich erkannte, dass die einzige Fluchtmöglichkeit durch die Wohnung auf die Terrasse sein würde.

Aber ach: Als ich die Haustür öffnete stand ich vor einer undurchdringlichen Rauchwand hinter der von der Wohnung nichts, aber auch gar nichts mehr zu erkennen war. Ich zögerte kurz: Sollte ich doch den Weg zurück durch den Hausflur wählen? Aber nein, das Höllengerät blies nach wie vor unter solchem Lärm Rauch in den Flur, dass ich Angst hatte, über die Maschine zu stolpern und mich auch noch zu verletzten. Vollkommen blind kämpfte ich mich – zum Glück ohne größere Kollisionen mit Möbelstücken – durch den Flur und das Wohnzimmer hinaus auf die Terrasse.

Ob dies nun der Gesundheitsvorsorge dient? Mich erinnert es eher an die umstrittenen „pre-emptive strikes“, die vor nicht allzu langer Zeit unter amerikanischen Militärstrategen in Mode waren. Der deutsche Botschafter jedenfalls, den ich am selben Abend zufällig auf einem Dinner traf, fühlte sich von der Schilderung an eine Karikatur erinnert, die er kürzlich gesehen hatte: Sie zeigt einen Schiffbrüchigen, neben dem ein riesiger Hai aus dem Wasser auftaucht. Die Bildunterschrift lautet: Haie bewahren viele Schiffbrüchige vor dem Ertrinken.

Das ist natürlich eine vollkommen unpolitische Geschichte.

P.S. Ich wachte heute Morgen mit heftigen Halsschmerzen auf. Ob es wohl Dengue Fieber ist? Oder doch eher eine Rauchvergiftung? Ich tippe auf Kollateralschaden.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE