MOSKAU, Freitag, der 29. Januar 2010
Stefan Scholl

Putins Hündin und der deutsche Rückmarsch von der Wolga

Das Handy klingelt, Roman ruft an, Chefredakteur einer Moskauer Frauenzeitschrift. „Hör mal“, sage ich zu ihm, „Ihr solltet diesen langweiligen Kater zumindest jedes zweite Woche durch den Hund ersetzen.“

„Ja“, antwortet Roman, „der Hund ist witziger gewesen.“ Es geht um Dmitrij Medwedews Kater Dorofej und Wladimir Putins Hündin Conny. Früher kommentierte Conny, die Hündin, als „Kremlexperte“ in Romans Zeitschrift das Treiben ihres Herrn. Als ihn dann Medwedew als Kremlchef beerbte, übernahm dessen Kater die Rolle des Hofberichterstatters. Aber Putin klopfte bessere Sprüche als Medwedew, seine Hündin auch, außerdem war  Conny fast immer mit dabei, angehimmelt von Russlands Medien. „Keine Angst“, ich höre den Putin-Fan Roman förmlich grinsen, „Conny ist bald zurück im Kreml.“

„Laut Verfassung herrscht noch 2 Jahre Langeweile, bis dein Putin wieder Präsident werden kann“, sage ich.

„Was kümmert uns die Verfassung? Ihr habt ja auch den verfassungsmäßigen Präsidenten des Iraks umgebracht.“ Roman ist als glühender Patriot pauschal antiwestlich. Und Fachgespräche mit ihm rutschen sehr oft ins politisch Unkorrekte.

„Hitler haben die Deutschen auch mal verfassungsmäßig gewählt“, polemisiere ich.

„Was die Deutschen nicht daran gehindert hat, bis zur Wolga zur marschieren“, wir sind bei Romans Lieblingsthema, dem Großen Vaterländischen Sieg über Hitlerdeutschland.

„Die sind auch wieder zurückmarschiert“, sage ich.

„Die Deutschen sind nicht zurück marschiert, die sind gerannt“, verkündet Roman.

„Wieso, an der Wolga waren die ziemlich schnell“, erwidere ich. „Zurück nach Berlin haben sie Jahre gebraucht.“ Wir streiten uns jetzt über den 2. Weltkrieg wie über ein Fußballspiel vom vergangenen Wochenende. Was mir in Russland immer wieder passiert.

„Aber nur, weil unsere zuviel getrunken hatten“, lenkt Roman ein. Ein Glück, er hat nicht die Zeit, um unser intellektuelles Sturzflugduell fortzusetzen. Und ich schwöre mir wie so oft, nicht mehr mit Roman oder mit anderen russischen Bekannten über Verfassungstreue, Saddam Hussein oder Hitlers Überfall auf die Sowjetunion zu diskutieren.

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