ATHEN, Donnerstag, der 13. Juni 2013
Alkyone Karamanolis

Rauch vorm Rundfunk

Für einen Augenblick wird mir flau, als ich mich dem Gebäude des griechischen Staatsrundfunks, ERT, nähere. Vor dem Haupteingang steigt eine dicke Rauchsäule auf. Von Krawallen hatte ich nichts gehört, ich hatte auch keine erwartet. Es dauert etwas, bis ich mehr sehen kann – der Verkehr auf der Mesogeion-Straße geht schon seit Stunden nur noch stockend voran. Dann Erleichterung: Die griechische Welt ist noch in Ordnung. In Windeseile sind nicht nur Tausende Bürger zum Funkhaus geströmt, sondern auch die obligatorischen Souvlaki-Bratbudenbesitzer. Keine Demonstration in Griechenland ohne Souvlaki. Trotz des Schreckens, der in die Menschen gefahren ist, als ihre Bildschirme plötzlich schwarz wurden, geht es auf dem Gelände der ERT zu wie bei einem Festival. Nicht einmal die Junta habe die ERT abgeschaltet, das sei in ihrer 75-jährigen Geschichte nur einmal vorgekommen, nämlich als die Nazis in Athen einmarschiert sind, schimpft ein Demonstrant. Und die Misswirtschaft bei der ERT, die es doch zweifelsohne gegeben hat? Das bringt die Demonstranten erst recht zum Rasen. Die gleichen Politiker, die nun das Fanal der Transparenz hochhalten, seien doch die, die jahrzehntelang ihnen gewogene „Berater“ bei der ERT eingestellt haben. Berater, die am Ende des Monats, dicke Gehaltsschecks bezogen. Politische Günstlinge gebe es hier außerdem in allen Betrieben der öffentlichen Hand, sagt ein anderer. Wolle man nun auch die Strombehörde, die Krankenhäuser etc. schließen? Und so reihen die Menschen, die sich hier eingefunden haben, die Schließung des Staatsrundfunks ein in eine Serie von Angriffen auf alles, was staatlich oder öffentlich ist. Auf dem Podium wechseln sich Sprecher und Musiker ab, ein großer Bildschirm überträgt das Fernsehprogramm, das drinnen produziertg und nunmehr über Internet verbreitet wird. Es ist absurd: das griechische Staatsfernsehen ist als Piratensender on air. Noch absurder ist das, was manche Demonstranten sagen: „Endlich hat auch Griechenland einen öffentlichen Rundfunk“, denn allen ist klar, dass die ERT, deren Direktoren von der jeweiligen Regierung eingesetzt wurden, nur bedingt unabhängig sein konnte. Dennoch wurde hier auch ausgezeichnetes Programm gemacht, informative Hintergrundsendungen mit herausragenden Gesprächspartnern, gesellschaftspolitische Analysen und engagierte Dokumentationen. In den vergangenen Jahren konnte man außerdem beobachten, wie sich die Journalisten zunehmend von der politischen Führung emanzipierten. Trotz aller Mängel war die ERT ein Lichtblick in der griechischen Medienlandschaft. Das wird diese Tage von der Bevölkerung honoriert. Auf der Rückfahrt zappen wir uns durch die Radioprogramme, eine Sendung ist nervtötender als die andere. Schalt die ERT ein, sage ich zu meinem Beifahrer in einem alten Reflex.

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